Eine besonders entehrende Strafe – nicht nur für den Verurteilten, sondern für dessen ganze Familie – war das Hängen, womit schwerer Diebstahl und Betrug geahndet wurden. Eine solche Strafe konnte durch Begnadigung und das sogenannte Gnadenbitten jedoch in eine ehrenvolle Strafe abgeändert werden. So sollte ein Dieb im Jahre 1610 „ursprünglich mit dem Strang gerichtet werden, in Ansehung seiner Jugend aber, und stattlicher Fürbitt, die er gehabt, dann nicht allein seine Mutter, samt ihren 5 Kindern, deren 2. seine rechte, 3. seine Stieffgeschwistricht gewesen, für ihn gebeten, sondern auch sein eigener Herr, der Rinder und das Zirckelschmidts Handwerck, da ist er zum Schwert erbeten worden“. – Das Gnadenbitten entsprach der im alten Strafsystem unbekannten Funktion des heutigen Strafverteidigers.

Van Dülmen geht nicht nur eingehend auf die einzelnen Strafarten ein, er behandelt auch den Gang der Strafverfahren. So erfährt man, daß auf dem Weg vom Gefängnis zum Hinrichtungsort („Armesünderzug“) noch Strafverschärfungen möglich waren: Dem Delinquenten konnte beispielsweise vor der Hinrichtung noch die Hand abgeschlagen werden, er konnte auf einer Kuhhaut zur Richtstätte geschleift oder während des Zuges noch mit glühenden Zangen traktiert werden.

Das wohl wichtigste Ergebnis dieser Untersuchung ist, daß das damalige Strafsystem nicht etwa auf richterlicher Willkür beruhte, sondern daß es für alle Etappen des Strafverfahrens, selbst für die Folter, genau festgelegte Vorschriften und Rituale hatte. So mußte zum Beispiel jemand, der alle drei Grade der Folter überstanden hatte, ohne ein Geständnis abzulegen, als unschuldig freigelassen werden. Dies war zwar sehr selten, kam aber selbst bei Hexenprozessen vor, so im Jahre 1672 im Falle der Katharina Lips aus Oberhessen.

Im Zeitalter der Aufklärung wurde die alte Gerichtspraxis in Frage gestellt; aber erst im 19. Jahrhundert gab es eine umfassende Strafrechtsreform, die nun den Täter und nicht mehr die Tat in den Mittelpunkt stellte.

Richard van Dülmen:

Theater des Schreckens – Gerichtspraxis und Strafrituale in der frühen Neuzeit

Beck, München 1988; 240 S., 19,80 DM