Von Joachim Riedl

London, im Juni

Schon lange hatte in der österreichischen Präsidentschaftskanzlei nicht mehr eine so ausgezeichnete Stimmung geherrscht. "Ich hoffe, daß nun Ruhe ist und man zur Vernunft kommt", meinte Kurt Waldheim gut gelaunt auf Staatsvisite im heißen Saudi-Arabien. Das österreichische Fernsehen berichtete in einer mitternächtlichen Sondersendung aus London, der Rundfunk verbreitete in stündlichen Kurznachrichten die Frohbotschaft im ganzen Alpenland: "Freispruch für Kurt Waldheim!"

Der Gerichtssaal: ein Fernsehstudio im Londoner Vorort Teddington. Das Hohe Gericht: ein fünfköpfiges, internationales Richtertribunal, angeführt von dem emeritierten Lord Justice of Appeal Sir Frederick Lawton, der keinen Vergleich mit dem Inbegriff britischer Jurisprudenz, dem Schauspieler Charles Laughton, fürchten muß. Das Publikum: Millionen von Fernsehzuschauern in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, in Israel, Skandinavien, Kanada, in Italien und Australien. Der Angeklagte: Kurt Waldheim, Bundespräsident der Republik Österreich, während des Zweiten Weltkriegs Schreibstubenoffizier in Generalstäben der deutschen Besatzungsarmee auf dem Balkan.

Kurz vor Mitternacht am vergangenen Sonntag verlas Sir Frederick das Verdikt: Der "Untersuchungskommission" – so nannte sich das Tribunal in vornehmer Zurückhaltung – sei kein einziger Beweis vorgelegt worden, der dazu berechtige, von dem Angeklagten eine Rechtfertigung wegen angeblich begangener Kriegsverbrechen zu fordern. Nicht über den Staatsmann Waldheim wurde Gericht gehalten, sondern über dessen Dienst in Hitlers Wehrmacht, den Waldheim nach wie vor für "Pflichterfüllung" hält. Zugegeben, er habe ein fragwürdiges Verhältnis zu den Fakten, meinte selbst der vom Fernsehsender bestellte Verteidiger, Lord Rawlinson of Ewell; zugegeben, sein Umgang mit der Geschichte sei sträflich leichtsinnig. Doch als Leutnant und Oberleutnant habe er nichts, rein gar nichts getan. Kein Zeuge, kein Dokument konnte das Gegenteil belegen.

Diese Erkenntnis ist freilich nicht neu. Die Geldgeber des seltsamen Tribunals, die britischen Fernsehstationen Thames und Channel 4, ferner die amerikanische Kabelstation HBO (die größte ihrer Art in den Vereinigten Staaten), hatten es sich jedoch 4,5 Millionen Mark kosten lassen, um nach 235 quälend langweiligen Fernsehminuten dieses Urteil zu finden. Dazu wurden 36 Zeugen gehört: Experten, Überlebende deutscher Massaker und Deportationen, ehemalige Kameraden von Kurt Waldheim – einer der Rechercheure hatte sogar in einem Krankenhaus in der DDR den bislang unauffindbaren 91jährigen Werner Plume aufgetan, ehedem Waldheims direkter Vorgesetzter als Versorgungs- und Transportoffizier der "Kampfgruppe Westbosnien" während der Kozara- Schlacht im Sommer 1942. In seinen Memoiren hatte Plume Waldheim stets "Weinstein" genannt. Die Briten halfen dem Erinnerungsvermögen nach, mit dem Ergebnis: Mit Deportationen gefangener Partisanen oder unbeteiligter Zivilisten seien weder er noch Leutnant Waldheim/Weinstein befaßt gewesen.

So wie diese verlor sich auch jede andere Spur in einem Gestrüpp nichtssagender Dokumente und Unschuldsbeteuerungen. Mochten die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere aus Waldheims Umgebung auch eine noch so schlechte Figur machen und dem Klischee vom unbeugsamen Nazi entsprechen, der "rauchende Colt", also der hieb- und stichfeste Beweis anstelle spekulativer Indizien, wurde auch bei ihnen nicht gefunden. Daß es diese smoking gun möglicherweise gar nicht gibt, daran wollen die Waldheim-Jäger nicht glauben – sie sei nur noch nicht entdeckt worden.