Nicht alles was beunruhigt, ist auch bedrohlich

Von Peter Atteslander

Es war von jeher leichter, politische Maximen zu zitieren, als ihnen nachzuleben. Das gilt auch für das in letzter Zeit oft bemühte Wort Rosa Luxemburgs, die Freiheit sei immer die Freiheit des Andersdenkenden.

Freie Meinungsäußerung, verbürgtes Recht westlicher Demokratien, genügt freilich nicht. Prüfstein ist die tatsächlich im Alltag praktizierte Toleranz. Toleranz heißt: anderes Denken und anderes Handeln zuzulassen, gerade wenn dieses gegen eigene Interessen gerichtet ist, ja das eigene Wertsystem und die soziale Stellung gefährdet.

Toleranz ist demnach untrennbar mit Zivilcourage verbunden. Gewähren lassen, beiseite stehen trifft nicht den Kern toleranten Verhaltens. Die Frage stellt sich, ob die bundesdeutsche Gesellschaft, eine der freiesten die es je gegeben hat, nicht dennoch bemerkenswert intolerant ist.

Das Fehlen der Toleranz bei anderen festzustellen fällt leicht, nur die eigene zu ergründen, ist wirklich schwierig. Wenn unliebsame Künstler und intellektuelle Denker aus dem einen Deutschland ins andere abgeschoben werden, ist das gewiß ein spektakuläres und entsprechend kommentiertes Zeichen von Intoleranz.

Wie weit aber die Ausgebürgerten bei uns tatsächlich Toleranz genießen, zeigt sich, wenn sich der Rauch des Medienrummels verzogen hat. Hier geht es um das Unspektakuläre der Toleranz. Denn ebenso menschenfeindlich wie ein intolerantes System in politisch unfreien Staaten ist das schleichende Gift einer sich ausbreitenden latenten Intoleranz in demokratisch verfaßten Gesellschaften. Die deutsche Gesellschaft ist zweifellos permissiv: Es gibt kaum allgemein gültige Verhaltensregeln, keine fest umrissene Werthierarchie, an der sich alle zu orientieren hätten. Die Norm heißt Normenvielfalt.