Von Hansjakob Stehle

Rom, im Juni

Warum sollte Generalsekretär Gorbatschow die Beschwörung des tausendjährigen, des ewigen Rußland an der Schwelle einer politischen Wende nicht eine Messe wert sein? Was vergangenen Sonntag, begleitet von altslawischen Gesängen, in der Moskauer Erscheinungs-Kathedrale vom greisen Patriarchen Pimen als der "große Augenblick der orthodoxen Kirche" gepriesen wurde und nun zwei Wochen lang mit Kirchenvertretern aus aller Welt gefeiert wird, läßt das große russische Herz sogar von kommunistischen Berufsatheisten höher schlagen. Auch die Kirchenglocken von Moskau durften – zum erstenmal, seit die meisten während der Oktoberrevolution von den Türmen gestürzt worden waren – volle zehn Minuten läuten.

Natürlich bedurfte es dazu einer Extra-Genehmigung des staatlichen Kirchenamtes, Dessen Chef, Minister Chartschew, saß derweil wie eines Zaren Ober-Prokuror zur Rechten des Patriarchen im Kloster von Zagorsk, wo das Sonderkonzil der russischen Kirche zur Tausendjahrfeier des ostslawischen Christentums eröffnet wurde. Trennung von Kirche und Staat? Dieses Prinzip, schon von Lenin verkündet und verletzt, dann zum Unterdrückungsgrundsatz verdreht – soll es nun wieder ins Positive gekehrt werden? "Wir haben ein Vaterland, eine Vergangenheit", so zitierte Chartschew vor dem Konzil aus der Rede, die sein Parteichef Ende April im Kreml an den Patriarchen gerichtet hatte.

Die wunden Punkte jedoch, die "Willkür im Umgang mit Kultdienern" und ihre über 3000 Beschwerden allein im Jahre 1987, die Chartschew in der Iswestija eingestanden und auch Gorbatschow angedeutet hatte, berührte man nicht. Sanft, aber deutlich brachte sie nur der vom Papst entsandte Vatikan-Vertreter zur Sprache. In den Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen müsse man ohne "einseitige Lösungen" den Interessen aller Rechnung tragen, auch müsse man "eine Lösung des Problems der katholischen Ukrainer des östlichen Ritus finden", erklärte Kardinal Willebrands, der Präsident des vatikanischen "Sekretariats für die Einheit der Christen".

Damit war schon am zweiten Tag der zweiwöchigen Feiern eines der auch für den Sowjetstaat heikelsten Probleme angeschnitten, jene "Sünde", die auch in der freimütigen Rede Gorbatschows beim Kreml-Besuch des Patriarchen nicht gebeichtet worden war: die vor 42 Jahren von Stalin erzwungene, dem Patriarchat zugute gekommene Eingliederung der ukrainisch-katholischen in die russisch-orthodoxe Kirche. Darüber könne man ja später einmal reden, etwa beim nächsten ökumenischen Dialoggespräch in Finnland, sagte noch kurz vor den Moskauer Feierlichkeiten der Kiewer Metropolit Filaret und ließ zugleich erkennen, daß ein Beharren Roms auf diesem, mit viel nationalen Empfindlichkeiten und gegenseitiger Schuld belasteten Thema zum Bruch führen könnte.

Denn in der slawischen wie in jeder anderen Kirchengeschichte ist es nicht immer nur so fromm zugegangen, wie Jubiläumsfeiern glauben machen. Auch nicht vor tausend Jahren, als der Fürst Wladimir durch Heirat mit einer christlichen Prinzessin aus Byzanz von der Macht dieses Reiches profitieren wollte und deshalb seine Untertanen zur Zwangstaufe in den Dnjeprfluß beorderte; und nicht vor 300 Jahren, als der Patriarch von Konstantinopel (dessen Nachfolger jetzt den Moskauer Feiern fernblieb) dem russischen Patriarchen das ukrainische Kiew verkaufte – für 120 Gulden und 60 Zobelfelle; ganz zu schweigen von jenem polnischen König, der die Ukrainer, weil er ihr Land beherrschen wollte, mit der römischen Kirche "wiedervereinigte", ihnen jedoch ihren byzantinischen Ritus ließ.