Michail Gorbatschow muß sich der Reformgegner erwehren

Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Juni

Mit solcher Leichtigkeit und Präzision wäre auf keine andere Bühne der Welt diese Folge von pas de deux zu zaubern gewesen. Aus der Zarenloge des Bolschoj-Theaters, in der vor knapp 40 Jahren noch Stalin und Mao saßen, spendete das Staatsmann-Duo Ron und Michail dem Besten, was das russische Ballett heute zu bieten hat, spontanen Beifall. Und die Elite der Reformanhänger auf den Rängen bereitete den beiden Gipfelmatadoren, die vom Parkett aus und in dem unwirklichen Licht der Fernsehleuchten fast schon wie historische Gestalten in einem Wachsfigurenkabinett erschienen, stehende Ovationen.

Der Morgen nach diesem festlichen Finale – die ausgewählten Ballettszenen (Spartak, Romeo und Julia) hatten nur die Triumphe der Helden, nicht aber ihr Scheitern an imperialer Herrschaft und unerbittlichen Clans gezeigt – brachte die Wirklichkeit abrupt zurück. Kaum hatte der amerikanische Präsident beim Abschied im Kreml versichert: "Herr Generalsekretär, wir möchten Sie wissen lassen, daß wir an Sie als Freunde denken", und danach mit der Bitte um Gottes Segen seine schwarze Staatskarosse bestiegen, da machte Michail Gorbatschow auf dem Absatz kehrt. Aus der Rolle des "großen Staatsmanns" (Nobelpreisträger Sacharow) eilte er zu den umkämpften Engpässen der Perestrojka.

Zu diesem Zeitpunkt stand eine ganze Reihe seiner exponierten Anhänger, die ihn bei den Begegungen mit den amerikanischen Gästen, bei der Werbung um die 5000 Journalisten und beim Besuch im Bolschoj-Theater demonstrativ begleitet und unterstützt hatten, politisch auf der Straße. Bei ihren Bewerbungen um eine qualifizierte Teilnahme am weiteren Reformkurs hatte sie der konservative Parteiapparat unsanft vor die Tür gesetzt. Zwar lautete Gorbatschows Direktive für die als Schicksalsentscheid proklamierte 19. Parteikonferenz am 28. Juni ausdrücklich, es seien vor allem "aktive Förderer" der Perestrojka zu wählen. Doch während der Gipfel anlief, hatten die mittleren Funktionäre auf der Ebene der Moskauer Stadtbezirke fast überall die engagierten Wissenschaftler, Publizisten und Künstler streichen lassen, obwohl diese von ihren Partei-Grundorganisationen oder in öffentlichen Appellen als Delegierte für die Konferenz vorgeschlagen worden waren. So demonstrierte die bürokratische "Mauschelschicht" (Gorbatschow) in "einer der hoffnungsvollsten Zeiten der Sowjetgeschichte" (Reagan vor Moskauer Studenten), daß ihr eine Öffnung gegenüber der Welt keineswegs vorrangig oder verlockend erscheint.

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