Arbeitgeber und Gewerkschaften sind für die hohe Arbeitslosigkeit verantwortlich

Von Carl Christian von Weizsäcker

Ich beginne mit dem kleinen Einmaleins der Vollbeschäftigung. Auf der Insel Nirwana leben eine Million arbeitsfähige und arbeitswillige Menschen. Die Insel hat keinen Kontakt zum Rest der Welt. Insbesondere gibt es keinen Außenhandel. Um das Modell einfach zu halten, nehmen wir weiter an, daß die Unternehmen nur an die Endverbraucher liefern. Das bedeutet, daß in dieser Inselwirtschaft die Summe der Unternehmensumsätze dem Sozialprodukt gleich ist. Die Zentralbank von Nirwana kontrolliert die der Inselwirtschäft zur Verfügung stehende Geldmenge: Es sind hundert Millionen Dukaten im Umlauf. Bei den auf der Insel vorherrschenden Zahlungssitten schlägt sich das Geld einmal im Monat um. Das monatliche Sozialprodukt ist damit so groß wie die Geldmenge, also hundert Millionen Dukaten. Im Jahr ergibt sich damit ein Sozialprodukt in laufenden Preisen von 1200 Millionen Dukaten. Der durchschnittliche Jahreslohn der Arbeitskräfte beträgt tausend Dukaten. Die Unternehmer schlagen auf ihre laufenden Kosten, das heißt ihre Lohnkosten, zwanzig Prozent auf, woraus sie ihre Kapitalkosten decken und Gewinne erwirtschaften. Pro Arbeitskraft ergibt sich damit ein Umsatz in Höhe von 1200 Dukaten = 1000 Dukaten Lohn plus 200 Dukaten Aufschlag. Mit diesen Vorgaben können wir die Beschäftigung in dieser Volkswirtschaft berechnen. Die Gesamtumsätze in der Volkswirtschaft sind genau einemillionmal höher als der Umsatz pro Arbeitskraft. Also ergibt sich eine Beschäftigung in Höhe von einer Million. Das entspricht genau dem vorausgesetzten Arbeitsangebot, also herrscht Vollbeschäftigung.

Wenn Vollbeschäftigung herrscht, besteht bei den Gewerkschaften leicht die Versuchung, ihre Machtstellung zur Durchsetzung höherer Löhne einzusetzen. So geschah es auch in Nirwana. Die Unternehmer wurden gezwungen, den Jahreslohn auf 1250 Dukaten heraufzusetzen. Die Unternehmer reagierten darauf mit Preiserhöhungen. Da auch ihre jeweiligen Konkurrenten jetzt höhere Lohnkosten hatten, war es ihnen allen trotz intensiven Wettbewerbs möglich, die Aufschlagmarge von zwanzig Prozent beizubehalten. Sie erhöhten also die Preise proportional zu den Löhnen, also um 25 Prozent. Damit ergab sich pro eingesetzter Arbeitskraft ein Umsatz von 1500 Dukaten. Die Zentralbank stellte allerdings nicht mehr Geld zur Verfügung. Auch die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes blieb gleich. Deshalb blieb die Summe der Umsätze in der Volkswirtschaft ebenfalls gleich: 1200 Millionen Dukaten. Teilt man diese Größe durch den Umsatz pro Arbeitskraft von 1500 Dukaten, so ergibt sich die Beschäftigung in Höhe von 800 000. Bei einem Arbeitsangebot von einer Million hat Nirwana als Folge der 25prozentigen Lohnerhöhung jetzt zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig ist das reale (um die Inflationsrate bereinigte) Sozialprodukt gesunken, weil achtzig Prozent der Arbeitskräfte natürlich weniger produzieren als hundert Prozent.

Soweit das kleine Einmaleins der Vollbeschäftigung. Es ist die Grundlage jeder richtig rechnenden Analyse des Beschäftigungsproblems. Seine Quintessenz ist diese: Sorgt die Geld- und Fiskalpolitik des Staates für ein bestimmtes Niveau der nominellen Gesamtnachfrage, so verhalten sich Lohnhöhe und Beschäftigung umgekehrt proportional zueinander.

Die reale Welt ist komplexer als die isolierte Insel Nirwana. Vom kleinen Einmaleins müssen wir uns dem großen Einmaleins zuwenden. Aber das große Einmaleins macht das kleine nicht verkehrt. Wer dieses nicht beherrscht, wird sich bei jenem verrechnen. Die Fallgesetze Galileis werden nicht dadurch falsch, daß sie reibungsfreien Fall unterstellen, obwohl es in der Wirklichkeit nur den durch Reibung modifizierten Fall gibt. Der Begriff der Reibung konnte erst auf der Grundlage der Gesetze Galileis entstehen.

Um es vorwegzunehmen: Die einzuführenden Modifikationen haben aus meiner Sicht im Saldo den Effekt, daß sich der negative Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung noch verschärft. Bedenken wir, daß in unserem einfachen Gedankenexperiment der Reallohn gar nicht angestiegen ist. Vieles spricht aber dafür, daß mit steigendem Reallohn die Beschäftigung erst recht sinkt. Es gibt zwar Leute, die glauben, daß ein steigender Reallohn über eine steigende Kaufkraft der Massen zu mehr realer Nachfrage und dadurch zu mehr Beschäftigung führt. Diese Gedanken sind sehr einflußreich, weil sie eine populäre Politik der Lohnsteigerung stützen. Mitterrand versprach im Wahlkampf 1981 Seite an Seite mit den Kommunisten eine Politik der Nachfragestimulierung durch Steigerung des gesetzlichen Mindestlohns und staatliche Preiskontrollen. Vielleicht gelang es ihm dadurch, zum Staatspräsidenten gewählt zu werden. Als diese Politik dann ins Werk gesetzt wurde, gelangte Frankreich in weniger als achtzehn Monaten an den Rand der internationalen Zahlungsunfähigkeit. Das Steuer mußte schleunigst herumgerissen werden. Der im vergangenen Monat wiedergewählte Staatspräsident ist heute ein Garant dafür, daß Frankreich seinen marktwirtschaftlichen Kurs des savoir survivre weiterführt. Zu dessen wesentlichen Elementen gehört der Versuch der Regierung, das Lohnniveau niedrig und damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit hoch zu halten. Seit 1983 weiß man im Lande von Descartes wieder, daß zwei plus zwei vier und nicht fünf ergibt.