Die Versuchung liegt nahe, die Konkurrenz zwischen in- und ausländischen Arbeitsplätzen durch wettbewerbsbeschränkende Maßnahmen zu vermindern. Das ist der Protektionismus. Er hat eine alte Tradition. Platons Idealstaat sollte weitab vom Meer und als autarke Wirtschaft gegründet werden. Hitler und die meisten Diktatoren waren gegen kontakteschaffenden Handel. Grüne Utopisten der verschiedensten Spielarten sind regelmäßig Anhänger eines Rückzugs aus der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung in die Dorfidylle. Von all diesen Strömungen wird regelmäßig nicht erwähnt, daß ihre Politik zu erheblichen Wohlstandseinbußen führt. Bei dem niedrigen Reallohnniveau, das aus der Autarkie resultiert, wäre in der arbeitsteiligen offenen Wirtschaft die Nachfrage nach Arbeit ein Mehrfaches des Arbeitsangebots. Es ist keine Kunst, heute Vollbeschäftigung mit dem Reallohnniveau von 1950 zu erreichen. Der Protektionismus ist einfach eine Politik der verschleierten Reallohnsenkung. Seine Anhänger sind Betrogene, die diese Verschleierung nicht durchschauen.

Analoges gilt für den Vergleich mit planwirtschaftlichen Systemen osteuropäischer Prägung. Diese halten sich zugute, daß es bei ihnen keine Arbeitslosigkeit gibt. Wir unterstellen einmal, dies sei empirisch richtig. Dann kann darauf aus der Sicht der Marktwirtschaft geantwortet werden: Bei dem in der DDR vorherrschenden Reallohnniveau bestünde in der Bundesrepublik Überbeschäftigung. Vollbeschäftigung bei niedrigen Löhnen ist keine Kunst. Auch die sozialistische Planwirtschaft ist eine verschleierte Form der Reallohnsenkung, wenn man sie mit der Marktwirtschaft vergleicht.

Bisher war nur vom durchschnittlichen Lohnniveau die Rede. Natürlich wird die Beschäftigung auch durch andere Faktoren beeinflußt. Wichtig ist zum Beispiel die Lohnstruktur, wichtig ist auch die Verfassung des Arbeitsmarkts, wichtig ist auch die Erwartung der investierenden Unternehmen über das künftige Verhalten der Gewerkschaften Sehr flexibel ist die Lohnstruktur in den Vereinigten Staaten oder in der Schweiz. Wenn die Rentabilitätslage eines Unternehmens dies erforderlich macht, so sind dort die Arbeitnehmer auch bereit, Lohnsenkungen hinzunehmen. Die Löhne in diesen Ländern sind eine einfache Sache von Angebot und Nachfrage. In beiden Ländern ist insgesamt die Beschäftigungssituation zufriedenstellend. Im. Volksheim Schweden sorgen die Gewerkschaften und die von ihnen abhängende sozialdemokratische Regierung für alles. Zur politischen Stützung der Regierung verzichten die Gewerkschaften auf eine aggressive Lohnsteigerungspolitik. Seit dazu noch die Krone kräftig abgewertet wurde, liegt das schwedische Lohnniveau erheblich unter dem Mitteleuropas, obwohl die Produktivität der Industrie in Schweden mit der Mitteleuropas vergleichbar ist. So können Beschäftigungserfolge trotz einer egalisierenden solidarischen Lohnpolitik erzielt werden. Die Löhne werden so gesetzt, daß die weniger qualifizierten Arbeitskräfte Arbeit finden und für qualifizierte eine Übernachfrage entsteht. In Japan gibt es eine andere Art der Flexibilität, die hohe Gewinnabhängigkeit der Löhne. Kommen schlechtere Zeiten, sinkt nicht die Beschäftigung, sondern der ausgezahlte Lohn. Auch dies erlaubt eine zufriedenstellende Beschäftigungslage.

In der Bundesrepublik entspricht dem Beschäftigungsgefälle zwischen Süd und Nord kein Lohngefälle. Nicht nur Beamtengehälter, sondern auch Industrielöhne nehmen auf die regionale Beschäftigungssituation kaum Rücksicht. Heute besteht wegen der unterschiedlichen Wirtschaftsaussichten ein wesentliches Gefälle bei den Preisen für Eigenheime und bei den Wohnungsmieten. Das fehlende Nominallohngefälle zwischen Süd und Nord bedeutet daher, daß die Kaufkraft der Löhne im Norden höher ist, also dort wo die Beschäftigungsmöglichkeiten schlechter sind. Eine absurde Situation, herbeigeführt unter anderem durch die störrische, marktfremde Lohnpolitik der Gewerkschaften. Im übrigen ist die höhere Kaufkraft der Löhne im Norden relativ zum Süden eine schlagende Widerlegung der These, daß die Kaufkraft höherer Löhne zu mehr Beschäftigung führt.

Der Kampf der Interessengruppen führt dazu, daß es in der Diskussion über Arbeitslosigkeit und Beschäftigung eine Fülle von Mystifizierungen gibt. Einfache Zusammenhänge, die auch dem gesunden Menschenverstand entsprechen, werden verschleiert durch das Einbringen einer Fülle von Details, die alle sicherlich nicht uninteressant sind, aber letztlich vom Wichtigsten ablenken, dem inversen Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Nachfrage nach Arbeit. Die Regierungen tragen dazu nicht zuletzt dadurch bei, daß sie zwar einerseits einer falschen Tarifpolitik die Schuld an der Arbeitslosigkeit zuzuschieben geneigt sind, daß sie aber andererseits jeden Erfolg in der Form höherer Beschäftigung gern sich selbst zuschreiben.

Auch das häufig gehörte Argument der Sättigung der Märkte, so absurd es angesichts des niedrigen Lebensstandards der Weltbevölkerung ist, wird kräftig genutzt, um von der Hauptursache der Arbeitslosigkeit, dem Lohnniveau, abzulenken. Zusammen mit vielen Fachkollegen habe ich vor zwanzig Jahren, in der Zeit der Voll- und Überbeschäftigung, für die Erhöhung des relativen Lohns in der Form einer Aufwertung der Mark plädiert. Damit haben wir uns damals bei den Unternehmern unbeliebt gemacht. Heute stehe ich nicht an, mich bei den Gewerkschaften unbeliebt zu machen, indem ich auf Mystifizierungen eines ganz einfachen Zusammenhangs hinweise, der da lautet: je höher die Löhne, desto niedriger die Beschäftigung.

Mein Rezept für den Weg zurück zur Vollbeschäftigung ist sehr einfach. Der Staat sorgt für die Lösung des Problems der ausreichenden Nachfrage. Er tut dies, indem er durch geeignete Maßnahmen der Geld- und Fiskalpolitik das Sozialprodukt in laufenden Preisen jedes Jahr um den gleichen Prozentsatz wachsen läßt. Er wird das jeweilige Ziel-Sozialprodukt nicht auf den Punkt genau treffen, aber er sagt jeweils die Korrektur der Abweichung vom Zielpfad im nächsten Jahr zu. Auf diese Weise kann der Zielpfad des Sozialprodukts mit relativ geringen Abweichungen eingehalten werden. Aufgabe der Tarifpartner ist es nun, dafür zu sorgen, daß dieser relativ genau voraussehbaren nominellen Expansion nicht vor allem Inflation, sondern reale Expansion entspricht. Je geringer die Lohnsteigerungsraten sind, desto langsamer wachsen die Preise, desto mehr setzt sich die nominelle Expansion auch in reale Expansion und damit in Beschäftigung um. Die Verantwortung für die gesamtwirtschaftliche Beschäftigung haben in dieser Sicht der Dinge eindeutig die Tarifparteien.