Kempten

In einer Reihe bayerischer Städte hat sich Protest dagegen formiert, daß hier noch immer das Andenken eines Parteigängers Adolf Hitlers, des ehemaligen Wehrmachtsgenerals Eduard Dietl, hochgehalten wird. In Kempten und in Bad Aibling wurden vor Jahren Straßen nach dem Nazi-General benannt, in Füssen trägt eine Bundeswehrkaserne seinen Namen. Zahlreiche Bürger und Organisationen wollen sich damit nicht länger abfinden.

Als im Jahr 1973 für die einstige Sonnenstraße im Zentrum von Kempten ein neuer Name gesucht wurde und ein Stadtratsmitglied den Namen des Wehrmachtsgenerals ins Gespräch brachte, erhob sich zunächst kein Widerspruch. Auch die SPD-Mitglieder im Bauausschuß stimmten für eine Umbenennung in General-Dietl-Straße. Erst als neun Jahre später der Stadtrat im oberbayerischen Bad Aibling mit knapper Mehrheit beschloß, im Neubaugebiet eine Straße nach dem gebürtigen Bad Aiblinger Eduard Dietl zu benennen, wurde das Interesse an Dietls Vergangenheit wach.

Im benachbarten Rosenheim förderte die "Projektgruppe Spurensicherung" des Kreisjugendringes zahlreiche Details über Dietls enges Verhältnis zu Hitler zutage. Dietl war 1918 in das Freikorps Epp eingetreten. Die Mitgliedsnummer 524 weist ihn als eines der ersten NSDAP-Mitglieder aus. Hitler, zu dessen persönlichem Freundeskreis er gezählt wurde, lobte ihn im November 1941 als einen "Geburtshelfer des Dritten Reiches".

Seine Beliebtheit verdankt Dietl seiner Zeit als Kommandant des Gebirgsjägerregiments 99 in Kempten und seiner anschließenden Kommandeurszeit in Füssen. Sein "Bergsteigerhumor" und seine Verdienste um den Skisport sorgten dafür, daß sich um ihn zahlreiche Anekdoten rankten.

Im Juni 1944 war Dietl zusammen mit dem später in Nürnberg angeklagten und hingerichteten General Jodl zum Rapport bei Hitler auf dem Obersalzberg. Am Tag darauf fand er bei einem Flugzeugabsturz den Tod, der zunächst aus kriegspolitischen Gründen geheimgehalten wurde. Diese Geheimhaltung war dann Grundlage für die durch nichts, zu untermauernde Legende, Dietl habe sich Befehlen Hitlers widersetzt und sei deshalb ermordet worden. Hitler selbst würdigte in der Grabrede seinen General: "Gerade in den Jahren von 1933 bis 1936, als ich mit Blick auf die deutsche Zukunft unendliche Wagnisse eingehen mußte, da stand dieser Mann unerschütterlich und selbstverständlich hinter mir."

Im Jahr 1986 kam es in Kempten zu ersten Protesten gegen die General-Dietl-Straße. Stadtrat Klaus Spiekermann von den Grünen hatte jedoch wenig Erfolg mit seinem Antrag auf Umbenennung. Oberbürgermeister Josef Höß (CSU) kanzelte den Antragsteller ab: "Wer gibt Ihnen die Selbstgerechtigkeit, diesen Mann aus dem Gedächtnis tilgen zu wollen? Man könnte Angst bekommen, wenn Leute Ihrer Gesinnung etwas Entscheidendes zu sagen hätten."

Wenig später wurde eine Bürgerinitiative gegründet, der sich neben der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (WN) zahlreiche in- und ausländische Organisationen, darunter auch der DGB und die SPD, angeschlossen haben.

Der stellvertretende WN-Vorsitzende und DGB-Rechtssekretär Rolf Bickelhaupt hat vorgeschlagen, die Straße nach dem 1940 von den Nazis hingerichteten Allgäuer Bauernsohn und Kriegsdienstverweigerer Michael Lerpscher zu benennen. Einen ähnlichen Vorschlag hat die katholische Friedensbewegung Pax Christi, zur Umbenennung der Generaloberst-Dietl-Kaserne in Füssen gemacht, die künftig "Leutnant-Kitzelmann-Kaserne" heißen sollte. Kitzelmann war 1942 wegen angeblicher Wehrkraftzersetzung von den Nazis zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Der Stadtrat von Füssen hat sich gegen eine Kasernenumbenennung ausgesprochen; Vertreter der Bundeswehr zeigten sich dem Gedanken einer Umbenennung gegenüber aufgeschlossener.

Der Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam und dem britischen "Defence Commitee for Victims of Nazi Persecution" in Gillingham/Kent, die ihn aufgefordert hatten, die Died-Straße mit Rücksicht auf die Nazi-Vergangenheit des Generals umzubenennen, antwortete der Oberbürgermeister von Kempten Mitte vergangenen Jahres: "Unter Bezugnahme auf Ihr Schreiben teile ich Ihnen mit, daß sich der zuständige Ausschuß des Stadtrates nach ausführlicher Diskussion über das o.g. Thema nahezu einstimmig gegen eine Umbenennung entschieden hat: Nachdem dieser Beschluß rechtswirksam ist, ergibt sich für eine nochmalige Behandlung der Angelegenheit kein Anlaß."

Der Starnberger Bundestagsabgeordnete Alfred Mechtersheimer und sein Fraktionskollege Gerald Hafner von den Grünen haben im November 1987 die Bundesregierung gefragt, wie sie sich zur Umbenennung von Straßen und Kasernen stelle, die nach ehemaligen NSDAP-Mitgliedern benannt seien. Der parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Peter Kurt Würzbach, antwortete, daß die Bundesregierung keinen Anlaß zur Umbenennung sehe, sich aber entsprechenden Wünschen von Kommunen und Truppe nicht widersetzen würde. Würzbach: "Eine Mitgliedschaft von Namensgebern zur NSDAP oder zur SA ist nicht bekannt geworden."

Das Verteidigungsministerium hat mittlerweile beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg eine Studie über Dietls Vergangenheit in Auftrag gegeben. Ohne dem Ergebnis vorzugreifen, hat das Amt inzwischen festgestellt, daß sich General Dietl bis zuletzt nicht vom NS-Gedankengut distanziert habe. Klaus Wittmann