Von Karl-Heinz Janßen

Bismarck hatte es gleich im Gefühl: mit dem neuen Jahr 1888 stimmte etwas nicht. Jedesmal, wenn er die Jahreszahl mit seiner dicken Tinte hinschrieb, ärgerte er sich, weil von den sechs Schleifen drei zu Klecksen mißrieten. Als Drei-Kaiser-Jahr ist es den Zeitgenossen unauslöschlich im Gedächtnis geblieben. Kaiser Wilhelm I. hätte eigentlich längst das Zeitliche gesegnet haben müssen – er stand im 91. Lebensjahr. Von seinem Sohn, Kronprinz Friedrich, wußte die Öffentlichkeit seit einigen Monaten, daß er unheilbar an Kehlkopfkrebs erkrankt war. Der 29jährige Enkel Wilhelm, federnd vor ungebändigter Kraft, stand schon sprungbereit.

Wendejahr 1888. Erst mit dem doppelten Generationswechsel auf dem preußischen Thron ging der dominierende Bundesstaat vollends in Deutschland auf, schickte sich die neue Großmacht im Herzen Europas an, nach der Weltmacht zu greifen. Noch saß im Reichskanzlerpalais an der Wilhelmstraße der 75jährige Otto Fürst von Bismarck, der Deutschland wie ein Diktator regierte. „Es ist nicht leicht, unter einem solchen Kanzler Kaiser zu sein“, stöhnte der alte Wilhelm.

Der Reichskanzler, geplagt vom Alpdruck feindlicher Koalitionen, bangte um sein Werk. Würden die Nachfolger das Spiel mit den vier Kugeln beherrschen, durch ein ausgeklügeltes System von Bündnissen und Rückversicherungen den Frieden in Europa sichern? Darum trat er am 6. Februar 1888 – bei der Debatte über eine neue Militärvorlage – vor den Reichstag und sprach die alsbald geflügelten Worte: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt. Und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen läßt.“ Ein Signal vor allem an Rußland, das er nach den jüngsten Spannungen beschwichtigen wollte.

Dies waren die letzten Worte, die Bismarck von Wilhelm I. hörte, als er sich über den Sterbenden beugte: „Das mit dem Kaiser von Rußland hast du sehr gut gemacht.“ Er vermeinte freilich, seinen Enkel Wilhelm vor sich zu haben. Dennoch war’s Bismarck zufrieden. Denn der junge Prinz orientierte sich am Großvater. Der Kurs des Reichsschiffes schien zunächst ungefährdet.

Am 16. März 1888 wurde Wilhelm I. zu Grabe getragen. Im Kreise seiner Familie war er sanft entschlafen. „Wie ein lieber, guter, alter Weihnachtsmann“ habe er auf dem Totenbett gelegen, bemerkte etwas respektlos die Gräfin Waldersee, eine gebürtige Amerikanerin. So haben ihn die Deutschen auch in Erinnerung behalten. „Wir wollen unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben“, sangen sie nach dem Sturz der Monarchie, „aber den mit dem Bart!“

Während der Revolution von 1848 hatte der „Kartätschenprinz“ Wilhelm vor den Aufständischen nach England fliehen müssen; jetzt aber defilierten zweihunderttausend Berliner im Dom am offenen Sarg vorbei. Und dicht gedrängt stand das Volk bei scheußlichem Winterwetter an den Straßen vom Neuen Palais bis zum Mausoleum in Charlottenburg, wo der Kaiser neben seinen Eltern, der Königin Luise und Friedrich Wilhelm III., beigesetzt wurde.