Von Benjamin Henrichs

Die Bühne ist ärmlich, wie fürs Bauerntheater hergerichtet. Eine schiefe Bettstatt, ein klobiger Kleiderschrank, ein Badezuber und ein Kühlschrank, schmutzig und verrostet.

Die Bühne ist aber auch prächtig, fürs Welttheater gerüstet – die Wolken ziehen, das Weltall rotiert, ein riesiger Sternenhimmel, kugelförmig, wälzt sich am Horizont.

"Korbes" von Tankred Dorst spielt, wie das Barocktheater, im Himmel, auf Erden und in der Hölle zugleich – wobei die Erde auch die Hölle ist. Die Welt ist wüst und leer – wie vor dem Auftreten Gottes, oder nach seinem endgültigen Verschwinden. Die Menschen, das sind die Gottverlassenen – Urzeitwesen, Ungeheuer, ein Geschlecht der Riesen, doch weniger stark als ungeschlacht und unbeholfen. Wie einst die Saurier zum Aussterben verurteilt.

Herr Korbes ist der Held des Märchens, die Menschen bloß seine Opfer und Mitspieler, sein einziger Gegenspieler: der unsichtbare Gott. Herr Korbes ist der absolut Böse – ein Despot ohne Gewissen, aber auch ohne Dämonie, so natürlich grausam wie die Natur selber. Noch ist die Leiche der einen Frau nicht kalt, da kopuliert er schon grunzend mit der nächsten. Jedes Wort von ihm ist Geschrei, jede Geste Gewalt, sein Leben ein Kriegszug gegen die Menschen.

Herr Korbes ist der böse Widersacher des gütigen Gottes. Oder ist er das Ebenbild des grausamen Gottes? Dein Terror geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden?

Herr Korbes wird blind – die gerechte Strafe für seine Sünden. Nun wird die Welt für ihn, wozu er selber sie gemacht hat: eine Hölle. Die tückischen Gegenstände werden seine Feinde (die Menschen sind es sowieso). Aus dem Menschenfresser Korbes wird der Märtyrer – ein armer Vetter von Hiob, Odipus, Jesus Christus. Seine Schreie sind nun nicht mehr die des Peinigers, sondern die der Gequälten Seele.

Herr Korbes wird bestraft, aber belehren läßt er sich nicht, "besser" werden will er nicht. Die Blindheit öffnet ihm nicht die Augen, er geht entschlossen weiter ins Dunkel.

Bilderbogen, Stationendrama, Kreuzweg: in achtzehn kurzen Szenen erzählt Dorst seine Korbes-Passion. Dabei mischt er die Zeitalter (Urzeit, Gegenwart, Endzeit) ebenso selbstverständlich und tollkühn wie die Klänge – dem wüsten Reden seines Helden und Höllenbewohners Korbes (einem Gemisch aus Altfränkisch und Starkdeutsch) setzt er (wie zum Trost? wie zum Hohn?) eine Himmelsmusik entgegen. Dem Herrn Korbes erscheinen nicht nur wie einem Verbrecher-König Shakespeares die Geister der Verstorbenen, es suchen ihn auch die Figuren der christlichen Leidensgeschichte heim: die Gläubige Seele und die Tochter Zion, der Evangelist, Jesus und der Tod. Sie kommen aus der Brockes-Passion von Georg Friedrich Händel und wandern nun singend, gleichmütig durch des Herrn Korbes Jammertal.

Natürlich könnte man sagen, daß Tankred Dorst mit "Korbes" ein Nachläufer der Jüngeren geworden ist – die bayerischen Passionsgeschichten eines Kroetz ("Bauern sterben"), eines Achternbusch ("Das Gespenst") sind die Paten dieses Kleinen Fränkischen Welttheaters. Das mindert den Wert von "Korbes" nicht – denn anders als seine rabiaten (und auch sentimentalen) Kollegen inszeniert Dorst das erdenschwere, himmelhohe Welttheater mit einer staunenswerten Leichtigkeit, kunstreichen Naivität. Er bleibt ein Erzähler – wo Kroetz und Achternbusch selber aus allen Wunden bluten.

Wilfried Minks hat Regie geführt und die Bühne gebaut – es ist seine beste Inszenierung seit langlanger Zeit. Statt die Klassiker temperamentvoll niederzumachen, bewegt sich Minks diesmal souverän im eigenen Land – in einem Bilder- und Bauerntheater, in welchem sich ästhetisches Raffinement und die abgründige, grausame Schlichtheit der Votivmalerei krampflos miteinander verbinden.

Auch die drastischen Szenen (wie der Auftritt einer elefantenhaften Gastwirtsfamilie) haben Grazie, auch der Schrecken hat noch Komik; und weil Schauspieler, nicht Sänger, Händels Oratorium singen (in einer rührenden Verbindung von Dilettantismus und Schönheit) kommen Welttheater-Schwere und Passionsspiel-Pathos gar nicht erst auf.

Fabelhafte Schauspieler – wie Christa Berndl, die eine rabiate, kreischende fränkische Kleinbürgerin spielt und dabei die unwiderstehliche Skurrilität einer Beckett-Figur behält; wie Josef Bierbichler natürlich, der Herr Korbes.

Der übertreibt das Böse nicht, sondern exekutiert es mit stoischem Gleichmut, der bettelt erblindet auch nicht um Mitleid; er zeigt uns nicht seine Wunde, sondern kämpft verbissen auf längst verlorenem Posten weiter. Er hat nichts gelernt und will uns nicht belehren.

Ein kurzes Schreckensmärchen der Gebrüder Grimm hat Tankred Dorst zu seinem Stück inspiriert: "Herr Korbes". Es erzählt, wie sich die Tiere und die Gegenstände miteinander verschwören zum Strafgericht über den bösen Menschen: "Da kam der Herr Korbes nach Haus, ging ans Kamin und wollte Feuer anmachen: da warf ihm die Katze das Gesicht voll Asche. Er lief geschwind in die Küche und wollte sich abwaschen: da sprützte ihm die Ente Wasser ins Gesicht. Er wollte sich an dem Handtuch abtrocknen, aber das Ei rollte ihm entgegen, zerbrach und klebte ihm die Augen zu. Er wollte sich ruhen und setzte sich auf den Stuhl: da stach ihn die Stecknadel. Er geriet in Zorn und warf sich aufs Bett, wie er aber den Kopf aufs Kissen niederlegte, stach ihn die Nähnadel, so daß er aufschrie und ganz wütend in die Welt laufen wollte. Wie er aber an die Haustür kam, sprang der Mühlstein herunter und schlug ihn tot. Der Herr Korbes muß ein recht böser Mann gewesen sein."

Aus. Kein Wort, das Herrn Korbes verteidigt, keines, das ihn verstehen hilft. Mit dem vollkommenen, trostlosen Schrecken des Märchens kann das Theater nicht konkurrieren.

Es malt Bilder, zeigt Menschen, macht Musik. Statt in die Hölle schaut man ins Panoptikum. Das Theater ist ein Trost, diesmal kein schlechter. Der Herr Dorst muß ein recht guter Mann sein.