Als ich mich in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts daran machte, ein Buch über langfristige Wandlungen des menschlichen Empfindens und Verhaltens zu schreiben, wurden mir nach und nach die Hauptschwierigkeiten eines solchen Unternehmens klarer. Worauf es mir ankam, war, zu zeigen, daß solche langfristigen sozialen Wandlungen des Empfindens und Verhaltens, die ja durch die Verschränkung und Durchkreuzung der Absichten vieler Menschen zustande kommen, sich nicht als Ergebnisse von Plänen und Zielen einzelner Menschen oder Menschengruppen verstehen, und erklären lassen, sondern als Tatsachen eigener Art. Obgleich es sich ganz und gar nicht um Natursachen handelt, sondern um Tatsachen des gesellschaftlichen Verkehrs der Menschen, gehören solche gesellschaftlichen Veränderungen einem Tatsachenbereich an, der sich nicht erklären und verstehen läßt, als ob er auf gezielte und geplante Aktionen einzelner Menschen und Menschengruppen zurückginge.

Die landläufigen Sprachen aber bieten uns zur Darstellung und Erklärung solcher sozialen Tatsachen fast ausschließlich ideologiegesättigte Begriffe an, also Begriffe, die es so erscheinen lassen, als ob diese gesellschaftlichen Wandlungen auf Ziele und Pläne von Menschengruppen zurückzuführen wären.

Der Begriff der Zivilisation ist einer dieser Begriffe. Ich konnte nach ideologisch weniger belasteten Begriffen für langfristige Veränderungen der Verhaltensstandarde Umschau halten oder aber versuchen, den Zivilisationsbegriff von seinen ideologischen Belastungen loszulösen und mit Hilfe von sachdienlichen Belegen in einen ideologisch neutralen Begriff zu verwandeln. Ich schaute mich nach anderen möglichen Schlüsselbegriffen um, fand keinen geeigneteren und entschloß mich endlich dazu, den Zivilisationsbegriff im engsten Zusammenhang mit reichlichen empirischen Belegen als ideologisch neutralen Sachbegriff und zugleich als Schlüsselbegriff einer Theorie zivilisatorischer Prozesse weiterzuentwickeln.

Es entsprach dieser Absicht, daß ich das erste Kapitel meines Buches im wesentlichen der älteren, vornehmlich ideologischen Entwicklung der beiden Begriffe „Kultur“ und „Zivilisation“ widmete. Das erlaubte mir, im folgenden Kapitel und dann im abschließenden „Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation“, später auch in anderen Büchern einen sachorientierten, ideologisch bereinigten Begriff der Zivilisation vorzustellen. Aber der Begriff der Zivilisation stand nicht allein. Andere, verwandte Begriffe bedurften ebenfalls der Überprüfung und Bereinigung. Es genügt hier, auf drei von ihnen zu verweisen: „Evolution“, „soziale Entwicklung“ und „Wachstum“ oder „Fortschritt“. Sie alle hatten ein bemerkenswertes Schicksal, das vielleicht größere Beachtung verdient, das jedenfalls für das Verständnis der vorliegenden Angriffe auf meinen Gebrauch des Zivilisationsbegriffes von Bedeutung ist.

Alle diese Begriffe gehörten zum Kern einer einst hochgeschätzten sozialen Ideologie, die durch den Gang der gesellschaftlichen Ereignisse ihre Überzeugungskraft völlig verlor. „Evolution“, „soziale Entwicklung“, „Fortschritt“ und „Zivilisation“ gehörten einst zur Kerntruppe des Fortschrittsglaubens – also, kurz gesagt, des Glaubens, daß die menschliche Gesellschaft gleichsam von Natur, und daher notwendigerweise, so beschaffen ist, daß sie sich dem jeweils erwünschten Zustand, dem Zustand größeren Glücks für die Mehrheit der Menschen annähere. Es war immer ein umstrittenes Ideal. Aber es gehörte zum Kernbestand der ersten großen europäischen Aufklärungsbewegung, die mit dem frühen Aufstieg der Naturwissenschaften eng zusammenhing.

Die Ereignisse des 20. Jahrhunderts besiegelten den Kollaps dieses Ideals. Er hinterließ Schmerz und Verwirrung. Der Schmerz über den verlorenen Glauben äußerte sich in einer heftigen Gegenreaktion. Alles was auch nur von ferne an den verlorenen Fortschrittsglauben erinnerte, kam in Verruf. Es wurde mit einem schweren sozialen Tabu belegt. Man konnte Menschen ins Unrecht setzen und öffentlich beschämen, wenn man ihnen zur Last legte, des Fortschrittsglaubens verdächtig zu sein. Stehende Begriffe mit negativen Untertönen, Begriffe wie „naiver Fortschrittsglaube“, gewannen automatisch den Beifall der öffentlichen Meinung.

Es war, als ob sich im öffentlichen Bewußtsein an der Stelle des früheren Ideals eine Wunde gebildet hätte, die nicht mehr heilen konnte. Ernste Vertreter des Fortschrittsglaubens verschwänden von der Szene. Aber auch nach ihrem Verschwinden blieb die öffentliche Meinung für Generationen überaus reizbar und empfindlich gegenüber dem Gebrauch solcher Begriffe wie „Entwicklung“, „Fortschritt“, „Evolution“ und deren Verwandten, unter ihnen auch gegenüber dem Begriff der Zivilisation.

Das Erstaunliche war, daß diese Begriffe dennoch in Gebrauch blieben. So sprach man etwas verschämt von den weniger entwickelten Ländern als den „Entwicklungsländern“ und von den hochindustrialisierten als den „entwickelten“ Ländern, als ob die nicht ebenfalls noch weiterer Entwicklung fähig und in diesem Sinn „unterentwikkelt“ wären. Die Tatsache, daß die stigmatisierten Begriffe nicht einfach als funktionslos aus dem öffentlichen Verkehr verschwanden, zeugte davon, daß sich hier ein nicht ganz bewältigtes soziales Problem auftat. Aber die gedankliche Weiterarbeit an der Funktion solcher Begriffe wie „soziale Entwicklung“ oder „Zivilisation“ war durch das Trauma, das der Kollaps des Fortschrittsglaubens hinterlassen hatte, weitgehend blockiert.

Die Bedeutung des Begriffs „soziale Entwicklung“ war, so schien es, ein für allemal festgefahren in der Form, die dieser Begriff im Zeichen des Fortschrittsglaubens angenommen hatte. Und das gleiche gilt für den Begriff der Zivilisation. Man hörte nicht auf, mit solchen Begriffen die Vorstellung zu verbinden, es handle sich um geradlinige Prozesse, die mit Notwendigkeit ein größeres Wohlbefinden der Menschheit herbeiführen. Dadurch, daß man diesen Begriffen auch noch am Ende des 20. Jahrhunderts eine Bedeutung unterstellte, die sie im 18. und 19. Jahrhundert gehabt hatten, konnte man jemanden, der sie gebrauchte, mühelos in Verruf bringen.

Die Möglichkeit, einen Menschen, der an der Weiterentwicklung des Zivilisationsbegriffes arbeitet, als potentiellen Kolonialisten anzuprangern, in einem Land und einem Zeitalter, in dem die alte Ideologie der früheren Kolonialherren nur noch wenig Anhänger besitzt, ist ein einfaches Beispiel dafür, wie sich das Manko der Väter im Gegenschub als leicht reizbare offene Wunde des Gewissens der Kinder und Kindeskinder fühlbar macht.

Durch die immer erneute Beerdigung eines längst beerdigten Ideals kann man immer von neuem hoffen, in einer Auseinandersetzung die öffentliche Meinung auf die eigene Seite zu ziehen.

Die Vorstellung einer naturnotwendigen sozialen Entwicklung in die Richtung auf ein glücklicheres Zusammenleben der Menschen ist mir völlig fremd. Den Fortschritt, an den manche unserer Väter glaubten, den universellen und automatischen Fortschritt, gibt es nicht. Aber Fortschritte, ebenso wie Rückschritte in bestimmter Hinsicht, lassen sich beobachten. Die Schwierigkeit ist, daß die tatsächlich beobachtbaren gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse weit komplexer sind als das alte Fortschrittsmodell der Entwicklung. Man muß vieles verlernen, was man von alters her zu wissen glaubt, um die tatsächlich beobachtbaren Entwicklungen als solche wahrzunehmen, und erst recht, um realitätsnahe Modelle solcher Prozesse vorzulegen.

Die meisten vorhandenen Modelle sind viel zu kurzfristig. Man denke zum Beispiel an die Entwicklung, die von der hörbaren Sprache als Verständigungsmittel zu handgeschriebenen und schließlich zu gedruckten oder anderswie mechanisch produzierten Verständigungsmitteln führte. In diesem Falle handelt es sich um eine mehrere Tausend Jahre umfassende Entwicklung an der eine ganze Reihe verschiedener Gesellschaften beteiligt waren. Dennoch vollzog sie sich in einer unzweideutigen Abfolgeordnung. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß der Übergang zum Drucken notwendigerweise aus der Entwicklung des Schreibens und Lesens hervorging; aber man kann vielleicht sagen, daß die Entwicklung des Druckens die des Schreibens zur Voraussetzung hatte.

Die Vorstellung einer universell geradlinigen Vorwärtsentwicklung der Gesellschaft ist sicherlich irreführend. Aber es ist ebenfalls irreführend anzunehmen, daß es überhaupt keine langen Entwicklungsgänge in einer Richtung gibt.

Das Wachstum der Menschheit ist ein Beispiel für eine Entwicklung dieser Art. Gewiß gab es Katastrophen, die die Zahl der Menschen ganz erheblich verringerten, und sie können sich jederzeit wiederholen. Aber diese Rückwärtsbewegungen hielten bisher, auf lange Sicht hin betrachtet, das Wachstum der Menschheit nicht auf. Nichts spricht dafür, daß die Menschen dadurch glücklicher wurden oder daß die Zunahme auch weiterhin die Oberhand über die Abnahme haben muß. Aber wenn man die ganze ideologische Wunsch- und Furchtmetaphysik beiseite schiebt, hat man immer noch eine unzweideutige Entwicklung, eine ungeplante, langfristige Veränderung in einer bestimmten Richtung vor Augen.

Das zahlenmäßige Wachstum der Menschheit

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steht ganz gewiß nicht allein. Es geht Hand in Hand mit einer sehr charakteristischen Veränderung der Figurationen, die Menschen miteinander bilden, also etwa mit einer Entwicklungslinie, die von kleinen Familienverbänden zu kleinen und großen Stämmen führt. Gegenwärtig läßt sich die bisher letzte Phase dieser Entwicklung, der Aufgang aller Stämme in Staaten beobachten. Die Frage ist nicht, ob man solche Veränderungen für gut oder schlecht hält. Die Frage ist, wie und warum sie vor sich gehen. Frage wie Antwort sind ideologisch neutral.

Gleiches gilt schließlich und endlich von den langfristigen zivilisatorischen Veränderungen der Menschen in der einen oder anderen Richtung, in der Richtung einer zunehmenden oder abnehmenden Zivilisation. Auch dies ist, langfristig betrachtet, eine Entwicklung, eine aus der Verschränkung vieler Absichten hervorgehende, primär ungeplante, ziel- und zwecklose Veränderung des sozialen Standards der individuellen Selbststeuerung. Wenn man von vornherein die Annahme macht, wie Duerr es tut, daß es ausreichend sei, die Veränderungen etwa zwischen den mittelalterlichen und den gegenwärtigen Standarden der Selbststeuerung flüchtig zu erwähnen und im übrigen so vorzugehen, als habe sich in dieser Hinsicht nichts Wesentliches verändert, dann muß man in bestimmter Hinsicht die Augen schließen und sich blind stellen. Ein einziges Beispiel muß hier genügen. Bei der Entwicklung der individuellen Selbststeuerung, bei der Zivilisation der einzelnen Menschen, schiebt sich gegenwärtig zwischen Kindheit und soziales Erwachsensein eine zehn- bis zwanzigjährige Zwischenstufe, eine ungewöhnlich lange Schul- und Lehrzeit. Die Verlängerung dieser Zwischenstufe hat unter anderem das Auseinanderfallen von biologischer Reife und sozialem Erwachsensein zur Folge. Formell dient diese Zwischenstufe der Aneignung des umfangreichen Spezialwissens, das ein Mensch braucht, um in diesen Gesellschaften die Funktion eines normalen Erwachsenen ausfüllen zu können. Weniger formell betrachtet zeigt sich, daß diese lange Schul- und Lernzeit jedes einzelnen Menschen die Entwicklung einer Selbststeuerung mit sich bringt, die höchst komplex, variabel, stabil und allseitig ist.

Im Mittelalter und in abnehmendem Maße über das Mittelalter hinaus bestand in europäischen Ländern die Masse der Bevölkerung aus Analphabeten. Heute sind Analphabeten nicht nur relativ seltene Außenseiter, die Masse der Bevölkerung muß überdies ein vergleichsweise sehr weitgespanntes Wissen erwerben. Die emotionale Anspannung, die dieser Wissenserwerb verlangt, mag dem Beobachter entgehen, weil sie für die gegenwärtig Lebenden zur Selbstverständlichkeit geworden ist. In der alten Zeit konnten Eskimokinder zwischen zehn und vierzehn Jahren den Beitrag eines Erwachsenen zum Bestand der Familie leisten. Der Übergang vom Kind zum Erwachsenen war fast bruchlos. Wenn man von den Priestern absieht, galt das auch noch für die Masse der Bevölkerung im Mittelalter. Es war vielleicht nicht alltäglich, aber doch möglich, daß ein zwölfjähriger Prinz eine Armee anführte.

Es genügt nicht, einzelne Fälle von Schamverhalten miteinander zu vergleichen, wenn man vergleichende Aussagen über den Zivilisationsstandard mittelalterlicher und neuzeitlicher Menschen machen will. Die lange Zwischenperiode zwischen Kindheit und Erwachsensein, die sich in der Neuzeit langsam herausbildet, ist nur eines der Beispiele für den Unterschied zwischen der zivilisatorischen Umformung des Individuums in dieser früheren Zeit und in der Gegenwart.

Recht unverständlich bleiben mir die Vorwürfe, die mir Duerr wegen einiger Bordellszenen macht, die auf burgundischen Miniaturen zu sehen seien. Ich habe diese Miniaturen in meinem Buch nicht besprochen; sie sind nur in einem zu anderem Zweck als Note beigefügten Zitat erwähnt. Ausführlich besprochen hingegen habe ich Bilder des unbekannten Hausbuchmeisters. Dort ist unter anderem ein Badehäuschen abgebildet, zwei Männer und ein Mädchen sitzen nackt im Wasser, ein zweites Mädchen ist im Begriff, dazuzusteigen. Mein Kommentar berichtet einfach, was da zu sehen ist. Was da zu sehen ist, spricht kaum mit Bestimmtheit dafür, daß es sich um eine Bordellszene handelt.

Aber selbst wenn: Sicher ist, daß der soziale Status der Bordelle damals ein anderer war als heutzutage. Es konnte vorkommen, daß eine größere Stadt dem Kaiser und seinem Gefolge bei einem offiziellen Besuch auch das Bordell als Willkommensgruß zur Verfügung stellte. Man vergleiche das mit dem amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, der vor kurzem alle Chancen, gewählt zu werden, verlor, weil dem verheirateten Mann ein Rendezvous mit einer Freundin nachgewiesen werden konnte.

Duerrs Äußerungen sind voll lauter Töne. Viel Lärm um nichts.