ZDF, Freitag, 17. Juni (Tag der Deutschen Einheit): "Vaterland"

Der letzte Deutsche kommt aus dem Osten. Er trägt einen Bart und einen leidenden Ausdruck im Gesicht, schlägt die Gitarre, singt systemfeindlich dazu, und er hat den Blues. Eins seiner Lieder heißt "Suche, Seele, suche". Der letzte Deutsche kann nicht bleiben, wo er ist, weil er dagegen ist. Deshalb wandert er in den Westen aus, den er eigentlich auch nicht mag. Im Westen wird er auf einer Begrüßungsparty der Dekadenz des Neuen Deutschlands ansichtig: Der Westmensch, stellt sich heraus, ist ebenso unglücklich wie der Ostmensch. Nur ertränkt der Ostmensch seinen Kummer einsam im Alkohol, während der Westmensch fröhlich in Gesellschaft lacht, kokst und schwul ist. Das Kokain, das doch keinem etwas zuleide getan hat, wird von diesen verderbten Kapitalisten mit der Eurocard zusammengescharrt. Der Ostmensch wendet sich mit Grausen.

Der letzte Deutsche ist todunglücklich über die Ausbeuterpraktiken im Westen. Ihn selber bewegt allein die Suche nach seinem Vater, dem berühmten Komponisten und Widerstandskämpfer Jakob Drittemann, der vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist. Der letzte Deutsche reist wieder, geht mit einer Französin fort. Klaus Drittemann (so heißt man einfach nicht) findet seinen Vater im perfiden Albion. Ein Nazischerge und CIA-Agent war der Vater in Wahrheit, ein Verbrecher. Der letzte Deutsche ist nicht zu beneiden. Was lernen wir daraus? Es gab ja wohl mal eine Zeit, da stellte man für die geknechteten Brüder & Schwestern im Osten eine Kerze ins Fenster. Vater Adenauer meinte, wir sollten nicht traurig sein, und zeigte uns die neuen Geschwister im Westen. Die bedankten sich für den Familienzuwachs, indem sie allmählich die besseren Deutschen wurden: Nichts fasziniert die Amerikaner mehr als die Berliner Mauer, die Franzosen Heideggers Sündenfall. Und wenn den Bundesrepublikanern längst alles egal ist, kommen ein einstmals bedeutender Dokumentarfilmer (Kenneth Loach) und ein bekannter Dramatiker (Trevor Griffiths) daher und sprechen von der deutschen Seele, als gäb’s die noch. Eine rührende deutsch-englische Räuberpistole, dieses Märchen vom letzten Deutschen, der auszog, seinen Vater zu suchen und einen Mörder fand. Willi Winkler