Von Detlef Hartlap

Sie waren vier, die im Sommer ’86 über die Wiesen von Hof Heidendom tollten, vier einjährige Vollbluthengste. „Das waren schon die ersten Wettrennen, die bei uns stattfanden“, schwärmt Monika Schmucker, „das hätten Sie mal sehen sollen: Manchmal hielten sie kurz inne, die Nüstern blutrot vor Aufregung und Erschöpfung, und dann plötzlich, wie auf Kommando, ging’s wieder los in vollem Galopp.“

Einer von den vieren war Alkalde, der Favorit für das Deutsche Derby am Sonntag in Hamburg-Horn.

Der Heidendom ist ein 100-Hektar-Anwesen, unweit eines ostfriesischen Dorfes namens Marx gelegen. Monika und Justus Schmucker, beide 59 Jahre alt, halten hier 50 Kühe, züchten Rinder und Vollblutpferde. Vier Hengstfohlen auf einmal hatten sie noch nie und einen wie Alkalde (spanisch für Bürgermeister) schon gar nicht. Damals, Sommer ’86, fiel er denn auch bald den Spähern von den Jährlingsauktionen auf, und bei der „Spätlese“ des westfälischen Gestüts Quenhorn wurde er versteigert – für lumpige 20 000 Mark, Seinem Reservepreis.

Die neuen Besitzer, Gerda und Willi Poorten, Handwerksleute aus Hilden, hatten schon einmal ein Rennpferd besessen, aber das war ihnen eingegangen; jetzt versuchten sie’s noch einmal. Bei Peter Lautner in Düsseldorf sollte Alkalde trainiert werden. Justus Schmucker transportierte ihn zum Rennstall, wo er Abschied von ihm nahm. Willi Poorten bleibt die Szene unvergeßlich: „Alkalde bekam Möhren und Küßchen. Richtig geschmust haben die miteinander. Mir kamen die Tränen.“

Inzwischen hat Alkalde von seinen sechs Starts deren fünf gewonnen, einmal war er Dritter. Er hat das klassische Mehl-Mülhens-Rennen gewonnen und das kaum minder klassische Union-Rennen. Seine Erfolge summieren sich zu 276 650 Mark. Poortens in Hilden haben gut lachen. Ihre 20 000 Mark waren eine prima Anlage.

Und Schmuckers? Haben sie zu früh verkauft und zu billig? „Wir würden es wieder genauso tun“, behauptet Justus Schmucker. „Wir haben Alkalde doch zur Auktion gegeben, um zu verkaufen, und nicht, um mit einem schwindelnd hohen Reservepreis zu brillieren.“ Im übrigen ist er furchtbar stolz, überhaupt ein solches Pferd gezüchtet zu haben, und ganz ohne Profit steht er auch nicht da: Im deutschen Galopprennsport werden bei zwei- und dreijährigen Pferden 24 Prozent der Preisgelder zusätzlich an die Züchter ausgeschüttet.

Vor allem aber sieht Justus Schmucker in Alkalde so etwas wie eine galoppierende Werbung für seine kleine Heidendom-Zucht, und Werbung, das ist was, auf das er sich versteht. Jahrelang war er als Manager für den Fleischwarenvertrieb zweier großer Handelsketten zuständig, ehe ihn 1973 die Sehnsucht nach der Natur übermannte: Den deutschen Traum vom eigenen Forst wollte er sich erfüllen, seine Frau war strikt dagegen. Ein Kompromiß fand sich in Gestalt von Hof Heidendom – kein Aussteiger-Idyll, sondern stinknormale Viehwirtschaft mit anfänglich drei Vollblutstuten als einziger Extravaganz.

Bei der Auswahl der Stuten legten Schmuckers Wert auf gediegene Familienverhältnisse: Nicht teuer sollten sie sein, aber von altem Adel. Stradella, ihre bisher erfolgreichste Stute, repräsentiert eine der besten Linien des rheinischen Gestüts Röttgen; Manege geht auf die Familie der Macht zurück, die zu Beginn des Jahrhunderts als Tochter des englischen Derbysiegers Lemberg importiert wurde. Ihre Nachkommen hievten das (inzwischen erloschene) Gestüt Waldfried in den fünfziger Jahren in Deutschland an die Spitze.

Auch Anekdote, dritte im Bunde von Heidendoms Gründerstuten, entstammt Waldfrieder Zucht. Alkalde ist ihr Enkel. Von Erfolgen überhäuft wurde diese Familie in den letzten Jahrzehnten nicht. Einen klassischen Sieg landete allein Alisma, 1961 im Schwarzgold-Rennen. Und Alexandra war 1936 Derby zweite, was damals wirklich ein Ehrenplatz war, denn es siegte die Wunderstute Nereide in der immer noch unübertroffenen Rekordzeit von 2:28,8 Minuten.

Sollte Alkalde am Sonntag das Derby gewinnen, egal in welcher Zeit, seine handverlesenen Möhren sind ihm gewiß; diese Gewohnheit haben Poortens übernommen. Schmuckers müssen nach dem Rennen schnell nach Hause – ihre 50 Kühe melken.