Theodor Herzl, Vater und Wegbereiter des Zionismus und damit Vordenker einer neuen Staatlichkeit, schrieb in seiner positiven Prophetie an seine Leser: „Ihr glaubt, es sei ein Märchen.“ Das „Märchen“, die Vision, ist im Staat Israel Realität geworden, und Theodor Herzl, – er ist oberhalb der Gedenkstätte Yad Vashem begraben, – ist zur Kultfigur einer selbstbewußten und weithin optimistischen Nation geworden. „Oberhalb von Yad Vashem begraben‘ – hier finden die neugewonnene Identität und der Holocaust zu einer Parallele, die jeden erschüttert, der diese Stätten besucht.

Nun hat aber Theodor Herzl gewiß weit über den Bezugsrahmen „Israel“ und die politische Absicht hinaus gewirkt. Der Zionismus, eben nicht nur als Errichtung eines eigenen Staates der Juden gedacht, meinte stets auch eine Rückerinnerung an Religion und Tradition, das Wiederentdecken der eigenen Identität, die durch Assimilierung zu verschwimmen drohte. ’Zumal in Berlin, aber auch in Köln und Frankfurt ist von vielen Juden in der Weimarer Republik die doppelte Identität – Deutscher und Jude – fast nicht mehr wahrgenommen worden. Die Identitätsfrage wurde zu der überdeckenden Formulierung umgebogen: „Deutscher oder Preuße jüdischer Konfession“.

Von daher war dem Zionismus mit seiner glaubhaften und visionären Bewußtheit in diesen Städten kaum eine herausgehobene Stellung beschieden. Das chassidische Judentum, die Ostjuden zumal, waren dem Zionismus stets näher, und nur einige Personen wird man zunächst aus dem deutschen Judentum benennen können, die ein affines Verhältnis zum frühen Zionismus hatten. Martin Buber gilt gewiß als einer ihrer Repräsentanten.

Aber doch hat der Zionismus seine fermentierende Wirkung gezeigt. Vor allem im Bereich der Bildung Jugendlicher und Erwachsener. Ein deutliches Beispiel läßt sich an der Geschichte der Jugendbewegung ablesen. In Teilen der Jugendbewegung gab es trotz aller Liberalität und unpolitischer Aufbruchsgesinnung einen verborgenen, später offener hervortretenden Antisemitismus, auf den zionistisch gesinnte Jugendliche mit der Gründung von „Blau-Weiß“ reagierten, der sich 1922 spaltete und zur Gründung von „Birth Haolim“ (Bund der Einwanderer) führte. Diese Form der Jugendbewegung verfolgte ein Siedlungsprogramm, das für viele Jugendbewegungs-Gruppen der zwanziger Jahre charakteristisch war, nur war es in der Konsequenz effizienter. Wesentliche Pionierleistungen im Gebiet zwischen Tel Aviv und Haifa sind dieser Initiative zuzuschreiben. Aber andererseits wird man auch den Beitrag der Juden in der Jugendbewegung jenseits der genannten

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Sonderformen nicht unterschlagen dürfen. Die Freideutsche Jugend, die Freischar zumal, hat von ihrer Intellektualität gewiß erheblich profitiert. Wie jüdische Jugend- und Erwachsenenbildung zu einer neuen Bewußtheit von doppelter Identität nach 1933 findet, zeigt.

  • Lucie Schachne: Erziehung zum geistigen

Widerstand. Das jüdische Landschulheim

Herrlingen 1933 bis 1939. Pädagogische Beispiele, Institutionengeschichte in Einzeldarstellungen; Band 3; hrsgg. von Hildegard Feidel-

Mertz; dipa, Frankfurt 1987; 266 S., 32,– DM. In dieser Untersuchung wird ein Stück Reformpädagogik fortgeschrieben, das bislang nicht bekannt war; dies vielleicht deswegen, weil der Gründer und spiritus rector dieses Schulversuches, Hugo Rosenthal, nicht mehr dazu kam, die lange projektierte Monographie zu vollenden. Nun hat sich Lucie Schachne dieser Aufgabe angenommen; sie war früher Schülerin in Herrlingen und arbeitete später in einem englischen Nachfolge-Institut. Sie breitet Materialien aus, die weit über die Geschichte dieser reformpädagogischen Absicht hinausreichen und Facetten zur Geschichte des Judentums nach 1933 in Deutschland beisteuern.

Die Reformpädagogik ist ebenso wie die Jugendbewegung ein typisch deutsches Phänomen. Wesentliche Voraussetzungen und Bedingungen sind mit deutscher Sprache und Mentalität zu verbinden; die durch den Zivilisationspessimismus stimulierte Naturseligkeit, die Gemeinschafts- und Gefühlsverherrlichung, wesentlich gefördert durch die Romantik, konnten wohl nur hierzulande gedeihen. Auch der Optimismus, daß .pädagogische Provinzen’ die höchstproportionierliche Entwicklung des Menschengeschlechts“ (Humboldt) bewirken könnten, ist anderwärts so rigoros nie gedacht worden. Im Kontext einer allgemeinen Umorientierungs-, Aufbruchs- und Innovationsstimmung hat sich eine Reformpädagogik entfaltet, die vielfältige Vermengungen aufwies. Aus den reformpädagogischen Schulversuchen sind wesentliche Elemente auch in das jüdische Landschulheim Herrlingen eingegangen. So Gustav Wynekens „Freie Schulgemeinde Wickersdorf“. Wyneken gehört zu den Formulierern der „Meissner Formel“, der Freideutschen Jugend 1913; er war damals freilich schon kein Jugendlicher mehr. Auch Paul Geheeb und seine Odenwaldschule werden genannt. Hinzuzufügen wären die Lietz-Schulen, wobei man Lietz und seinen Adepten einen erheblichen Antisemitismus nachsagen darf. Zu dem Tableau derer, die Internatserziehung, nicht zuletzt am Profil der Public Schools in England, orientiert haben, zählt gewiß auch Kurt Hahn, dessen Schloß-Schule Salem am ehesten der englischen Losung „Manners make men“ zu folgen schien.

Wesentliche Merkmale von Landerziehungsheimen waren auf jeden Fall

  • ihr Standort in ländlichen Gegenden,
  • das für großstädtische Jugendliche zu fordernde Naturerlebnis – dies geht auf Paul DeLagarde zurück, auf den sich Lietz wiederholt beruft –
  • die Erfahrung von Gemeinschaft
  • die Verbindung von geistiger, manueller und körperlicher Ertüchtigung.

Auf dieses pädagogische Spektrum können sich auch Einrichtungen der konfessionellen Jugendbildung (Schulpforta, St. Blasien) verständigen.

Was nun Herrlingen diesem Spektrum hinzufügte, war die bewußt jüdische, man sollte sagen zionistische Ausrichtung. Zwar trägt die Publikation die Absicht im Untertitel „Das , jüdische‘ Landschulheim Herrlingen“ – nur wurde dieses Epitheton ornans der Schule offiziell untersagt. Hugo Rosenthal hat – es gab einen Vorläufer, der sich eher dem Gedanken der assimilierten Juden verschrieben hatte – wiederholt die Leitmotive aus einem Grundsatzartikel in der Jüdischen Rundschau ausgebreitet:

„1. Heimischmachung der Kinder im deutschen und jüdischen Kulturkreise,

2. Sprachliche Vorbereitung auf eine eventuelle Auswanderung,

3. Vorbereitung auf handwerkliche, gärtnerische und hauswirtschaftliche Ausbildung im Rahmen der beruflichen Umschichtung der Juden.“

Man mag sich fragen, wie dieses Experiment eines „Erziehungsversuchs zu bewußtem Judentum“ oder – mit den Worten von E. Simon – einen „Aufbau im Untergang“ überhaupt gelingen konnte. Hier aber zeigt sich das pädagogische und politische Ingenium von Hugo Rosenthal, der das Unternehmen zwischen Anpassung an formale Regularien und Widerstand gegenüber auferlegten Sanktionen hindurchzusteuern vermochte. Daß er so viele seiner „Schützlinge“ vor dem Holocaust zu bewahren vermochte, ist sein großes Verdienst. Daß er daneben auch jüdische Bewußtheit durch ein reformpädagogisches Experiment gewagt und letztlich unsere Kenntnis über Schulnöte jüdischer Kinder in der Zeit des „Dritten Reichs“ vermehrt hat, will heute eher beiläufig anmuten. Man muß Lucie Schachne danken für diese Zusammenstellung, auch Frau Feidel-Mertz, daß es dieses Dokument nun auch im Deutschen gibt.

Joachim H. Knoll