Die Allmacht des Erbverwesers verhindert die Reform des Unternehmens

Die Bilanz für 1987 haben Aufsichtsrat und Gesellschafterversammlung des Krupp-Konzernes gebilligt, dem Vorstand erteilten sie jedoch bisher keine Entlastung. Sie wollen das Ergebnis einer Untersuchung über vergangene und künftige Verluste bei der Tochtergesellschaft Krupp Industrietechnik abwarten. Dieses Unternehmen ist in die roten Zahlen gerutscht, weitere Verluste sind programmiert. Spekulationen über mindestens 400 Millionen Mark werden bei Krupp jedoch zurückgewiesen – nachdem das Problem erkannt sei, werde man gegensteuern.

Erstes Opfer der Krise bei Krupp Industrietechnik wurde der Vorstandsvorsitzende der Krupp-Tochter, Kurt Spiller. Noch im Januar galt er bei Krupp als Mann mit Zukunft, wurde er in den Vorstand der Holding berufen – im März mußte er gehen.

Der härteste Kritiker in der Gesellschafterversammlung war einer der Vertreter des zu einem Viertel an Krupp beteiligten Iran. Mohamad-Mehdi Navab-Motlagh, der Abgesandte der Regierung in Teheran, setzte durch, daß die Entlastung des Vorstandes verschoben wurde. Die Krupp-Stiftung, der die restlichen Anteile gehören, kann dem Vernehmen nach ihren Partner nicht überstimmen, weil der Gesellschaftervertrag eine gemeinsame Stimmabgabe vorsehen soll. –

Wie die Dinge liegen, wird das dem Vorsitzenden des Stiftungskuratoriums, Vorstand der Stiftung und Krupp-Aufsichtsratsvorsitzenden Berthold Beitz kaum weh getan gaben. Seit Monaten liegt er mit dem Krupp-Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Scheider im Clinch. Entlassen wollte er ihn aber vor allem wohl deshalb nicht, weil damit die Zahl der geschaßten Vorstandsvorsitzenden von Unternehmen des Krupp-Konzerns auf fünf steigen und der Verdacht erhärtet würde, die Schuld könne bei Beitz liegen.

Die Gerüchte über eine ernsthafte Krise bei Krupp, die mehr ist als nur eine Stimmungskrise zwischen den beiden Männern an der Spitze, erhielten durch die verschobene Entlastung natürlich neuen Auftrieb. Aber die Konzernleitung versichert hoch und heilig, von einer Krise könne keine Rede sein. Die Finanzen des Unternehmens seien geordnet, Probleme mit den Banken gebe es nicht. Unbestritten ist freilich, daß die Gesellschafter schon wegen der Verluste bei der Industrietechnik vorerst nicht mit einem angemessenen Gewinn rechnen können. Un da liegt wohl auch der tiefere Grund für den Ärger Navabs. Immerhin hat sein Land – noch zu Zeiten des Schahs – für die Beteiligung am Krupp-Konzern rund 1,4 Milliarden Mark gezahlt. Diese Summe ist noch nie angemessen verzinst worden.

So ist es vielleicht ein kleiner Lichtblick, daß die Gesellschafterversammlung die seit langem überfällige Neubesetzung des Aufsichtsrats beschloß. Die alten Beitz-Freunde Max Grundig, Walter Hesselbach und Joachim Zahn haben ihre Plätze geräumt, Daimler-Vize Werner Niefer, Philips-Vorstand Gert Lorenz und der Essener Rechtsanwalt Herbert Wagendorf haben sie eingenommen. Wagendorf gilt als dritter Vertreter des Iran.

Mit den beiden Neulingen und den Alt-Aufsichtsräten Rudolf v. Bennigsen (Veba), Werner Röller (Dresdner Bank) und Franz Josef Spalthoff (RWE) sitzt jetzt eine Gruppe von fünf gestandenen, aktiven Managern im Aufsichtsrat, von der erwartet wird, daß sie die Krupp-Probleme zumindest angeht, wenn nicht gar löst. Dabei dürfte die Entlassung des Vorstandsvorsitzenden Wilhelm Scheider nicht sehr hilfreich sein. Vielmehr sind sich beinahe alle Beobachter von Krupp darüber einig, daß es mit der Allmacht von Berthold Beitz ein Ende haben muß.

Nahziel ist deshalb die Wahl eines neuen Aufsichtsratsvorsitzenden. Favorit für dieses Amt ist der Veba-Vorstandsvorsitzende Rudolf v. Bennigsen. Aber der erklärte, er stehe für dieses Amt nicht zur Verfügung. Insider bezweifeln, daß es dabei bleibt. Denn anbieten müßte ihm das Amt schließlich Berthold Beitz, der bei Krupp als Repräsentant des größten Eigentümers das Sagen hat.

Beitz aber ist derzeit in einer schwierigen Lage. Wenn er aufgibt, könnte das als Eingeständnis dafür gewertet werden, daß er in der Tat Urheber der Krupp-Misere sei. Es gilt deshalb, dem ebenso empfindsamen wie mißtrauischen Beitz klarzumachen, daß es für Krupp besser ist, wenn er seine Allmacht aufgibt. Daß er, der für Krupp so viel getan hat, je strahlender in die Geschichte des Unternehmens eingeht, desto eher er sich zurückzieht. Heinz-Günter Kemmer