Von Rolf-Dieter Müller

Während man in der UdSSR beginnt, die eigene Vergangenheit (vor allem die Stalin-Ära) auf eine neue, selbstkritische Weise zu befragen und zu durchleuchten, schwelen in der Bundesrepublik Bemühungen um eine Re-Ideologisierung der Geschichte und die Belebung alter Feindbilder. Es geht dabei nicht nur um die Relativierung des Auschwitz-Komplexes, sondern auch um die Verdeckung, ja, Umdeutung der Ursachen des deutsch-sowjetischen Krieges, von 1941 bis 1945. Die wissenschaftlichen Fragen sind längst beantwortet. Strittig bleiben die politischen Schlußfolgerungen.

Während die einen (wie auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985) meinen, der deutsche Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 verpflichte zum Abbau von Feindbildern und zur Aussöhnung mit den Völkern der Sowjetunion, sehen andere den Grund allen Übels in der bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917. Die damals entstandene und noch heute andauernde "Gefahr im Osten" habe in Hitler ihren radikalsten Feind gefunden. Von Furcht getrieben habe der Diktator nicht nur den Befehl zur "Endlösung der Judenfrage", sondern auch zum Präventivkrieg gegen die angriffsbereite Rote Armee gegeben. Diese Version hatte Hitler selber den Soldaten der Ostfront eingetrichtert. Zu ihrer Entlarvung genügt es, an die Kriegsziele des Dritten Reiches gegenüber der UdSSR zu erinnern, Ideen, die nicht nur im Kopf des Diktators entstanden, sondern von Teilen der deutschen Führungseliten mitentwickelt und getragen wurden.

"Grundsätzlich kommt es also darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können", notierte Hitlers persönlicher Sekretär Martin Bormann am 16. Juli 1941 in seinem Protokoll über eine fünfstündige Konferenz im engsten Kreis.

Seit knapp vier Wochen tobte bereits der Krieg im Osten. Die Grenzschlachten hatten einen planmäßigen Verlauf genommen. In wenigen Wochen hoffte man, Moskau einnehmen zu können. Die "Kornkammer Ukraine", die Erz- und Kohlelager des Donezbeckens, die Ölfelder des Kaukasus – dies alles schien in greifbarer Nähe zu sein, als Hitler seine politischen Vorstellungen über die Zukunft der eroberten Ostgebiete erläuterte. Seine Ausführungen lassen keinen Zweifel an der eigentlichen Kriegsursache. Sie lag offenkundig nicht in der Sorge vor der bolschewistischen Gefahr, sondern in Hitlers lang gehegtem Wahn von einem deutschen Ostimperium.

Über die Notwendigkeit, "Lebensraum im Osten" durch die Niederwerfung Rußlands zu erobern, hatte Hitler schon in "Mein Kampf" lange Ausführungen gemacht. Er griff damit ältere ostexpansive Zielsetzungen des Kaiserreichs auf und vermengte sie mit Antibolschewismus und Rassenideologie. Als nach dem Frankreich-Feldzug im Juni 1940 die Gelegenheit günstig erschien, machten sich die Generale an die Ausarbeitung entsprechender militärischer Pläne.

Das Ziel war allen Beteiligten von Anfang an klar, auch ohne lange Erklärungen des Diktators. Otto Bräutigam, ein Diplomat alter Schule, Rußlandexperte, Leiter der Grundsatzabteilung im Ostministerium, nach dem Krieg Leiter der Ostabteilung im Bonner Auswärtigen Amt, faßte 1942 in einer Denkschrift zusammen, um was es ging: "Im Osten wird von Deutschland ein dreifacher Krieg geführt: Ein Krieg zur Vernichtung des Bolschewismus, ein Krieg zur Zertrümmerung des Großrussischen Reiches und endlich ein Krieg zum Erwerb von Kolonialland zu Siedlungszwecken und zur wirtschaftlichen Ausbeutung."