Von Rolf-Dieter Müller

Während man in der UdSSR beginnt, die eigene Vergangenheit (vor allem die Stalin-Ära) auf eine neue, selbstkritische Weise zu befragen und zu durchleuchten, schwelen in der Bundesrepublik Bemühungen um eine Re-Ideologisierung der Geschichte und die Belebung alter Feindbilder. Es geht dabei nicht nur um die Relativierung des Auschwitz-Komplexes, sondern auch um die Verdeckung, ja, Umdeutung der Ursachen des deutsch-sowjetischen Krieges, von 1941 bis 1945. Die wissenschaftlichen Fragen sind längst beantwortet. Strittig bleiben die politischen Schlußfolgerungen.

Während die einen (wie auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner Rede zum 8. Mai 1985) meinen, der deutsche Überfall auf die UdSSR am 22. Juni 1941 verpflichte zum Abbau von Feindbildern und zur Aussöhnung mit den Völkern der Sowjetunion, sehen andere den Grund allen Übels in der bolschewistischen Oktoberrevolution von 1917. Die damals entstandene und noch heute andauernde „Gefahr im Osten“ habe in Hitler ihren radikalsten Feind gefunden. Von Furcht getrieben habe der Diktator nicht nur den Befehl zur „Endlösung der Judenfrage“, sondern auch zum Präventivkrieg gegen die angriffsbereite Rote Armee gegeben. Diese Version hatte Hitler selber den Soldaten der Ostfront eingetrichtert. Zu ihrer Entlarvung genügt es, an die Kriegsziele des Dritten Reiches gegenüber der UdSSR zu erinnern, Ideen, die nicht nur im Kopf des Diktators entstanden, sondern von Teilen der deutschen Führungseliten mitentwickelt und getragen wurden.

„Grundsätzlich kommt es also darauf an, den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können“, notierte Hitlers persönlicher Sekretär Martin Bormann am 16. Juli 1941 in seinem Protokoll über eine fünfstündige Konferenz im engsten Kreis.

Seit knapp vier Wochen tobte bereits der Krieg im Osten. Die Grenzschlachten hatten einen planmäßigen Verlauf genommen. In wenigen Wochen hoffte man, Moskau einnehmen zu können. Die „Kornkammer Ukraine“, die Erz- und Kohlelager des Donezbeckens, die Ölfelder des Kaukasus – dies alles schien in greifbarer Nähe zu sein, als Hitler seine politischen Vorstellungen über die Zukunft der eroberten Ostgebiete erläuterte. Seine Ausführungen lassen keinen Zweifel an der eigentlichen Kriegsursache. Sie lag offenkundig nicht in der Sorge vor der bolschewistischen Gefahr, sondern in Hitlers lang gehegtem Wahn von einem deutschen Ostimperium.

Über die Notwendigkeit, „Lebensraum im Osten“ durch die Niederwerfung Rußlands zu erobern, hatte Hitler schon in „Mein Kampf“ lange Ausführungen gemacht. Er griff damit ältere ostexpansive Zielsetzungen des Kaiserreichs auf und vermengte sie mit Antibolschewismus und Rassenideologie. Als nach dem Frankreich-Feldzug im Juni 1940 die Gelegenheit günstig erschien, machten sich die Generale an die Ausarbeitung entsprechender militärischer Pläne.

Das Ziel war allen Beteiligten von Anfang an klar, auch ohne lange Erklärungen des Diktators. Otto Bräutigam, ein Diplomat alter Schule, Rußlandexperte, Leiter der Grundsatzabteilung im Ostministerium, nach dem Krieg Leiter der Ostabteilung im Bonner Auswärtigen Amt, faßte 1942 in einer Denkschrift zusammen, um was es ging: „Im Osten wird von Deutschland ein dreifacher Krieg geführt: Ein Krieg zur Vernichtung des Bolschewismus, ein Krieg zur Zertrümmerung des Großrussischen Reiches und endlich ein Krieg zum Erwerb von Kolonialland zu Siedlungszwecken und zur wirtschaftlichen Ausbeutung.“

Der militärische Auftrag schien zunächst einfach zu sein. Als Gegner wurde die Rote Armee nicht ernstgenommen. Daher glaubte man auch, im besetzten Rußland freie Hand zu haben, um das Land nach den Bedürfnissen der Wehrmacht und der Kriegswirtschaft „ausschlachten“ zu können, ohne Rücksicht auf die Bevölkerung oder auf völkerrechtliche Verpflichtungen.

Hitler brauchte hier nur zu „ermutigen“. Er stellte die ökonomischen Ziele in den Vordergrund und beauftragte mit ihrer Durchführung den militärischen „Wirtschaftsstab Ost“, in dem Offiziere und Industrievertreter zusammenarbeiteten. Um diese Ziele durchzusetzen, konnten die Deutschen nicht als „Befreier“ auftreten. Durch rücksichtslose Gewaltanwendung sollten Angst und Schrecken verbreitet werden, damit man mit relativ geringen Kräften das riesige Land beherrschen konnte. Daher Hitlers Anweisung, die Rotarmisten nicht als „Kameraden“ zu betrachten und einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg zu führen, „am besten dadurch, daß man jeden, der nur schief schaue, totschieße“ (Hitler in der Sitzung am 16. Juli 1941). Die „Motivierung unserer Schritte vor der Welt“ sollte sich nach dem üblichen Verfahren richten: „Wir werden also wieder betonen, daß wir gezwungen waren, ein Gebiet zu besetzen, zu ordnen und zu sichern ... Alle notwendigen Maßnahmen – Erschießen, Aussiedeln usw. – tun wir trotzdem und können wir trotzdem tun.“

Also keine Rede davon, daß die Wehrmacht nach der Beseitigung der angeblichen Gefahr im Osten wieder ins heimische Quartier ziehen konnte. Alfred Rosenberg, Hitlers Chefideologe und neu ernannter „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“, führte noch weiter aus: „Wir führen nun aber nicht einen ‚Kreuzzug‘ gegen den Bolschewismus, allein um die ‚armen Russen‘ für alle Zeiten vor diesem Bolschewismus zu erretten, sondern um deutsche Weltpolitik zu treiben und das Deutsche Reich zu sichern ... Ein Krieg, mit dem Ziel, ein ungeteiltes Rußland zu errichten, scheidet deshalb aus. Stalin mit einem neuen Zaren zu vertauschen oder gar einen nationalistischen Führer einzusetzen in diesem Gebiete, das würde alle Energien erst recht einmal gegen uns mobilisieren.“

Die wichtigste Begründung für den Eroberungs- und Vernichtungskrieg lieferte Herbert Backe. Der Staatssekretär im Ernährungsministerium hatte bereits im Frühjahr 1941 ein umfassendes Programm entwickelt, um aus Rußland soviel Lebensmittel herauszuholen wie möglich und damit die Nöte im Reich zu beseitigen. Auf neuerliche Rationskürzungen hatte die deutsche Bevölkerung schon mit Unmut und Sorge reagiert. Hitler fand damit bestätigt, was er seit Jahren immer wieder behauptet hatte: daß er unbedingt die-Ukraine brauche, damit man Deutschland nicht noch einmal wie im Ersten Weltkrieg durch die Blockade aushungern könne.

Und Backe lieferte die scheinbar sachliche Rechtfertigung für Hitlers Vernichtungspläne. Wollte man aus Rußland kurzfristig Überschüsse herausholen, dann mußten der einheimische Verbrauch auf ein Minimum gedrückt und „überflüssige Esser“ von der Versorgung ausgeschlossen werden. Dieses Vorgehen wurde als erster Schritt der geplanten wirtschaftlichen „Neuordnung“ verstanden, der sich gegen die Arbeiterschaft und die Großstädte richtete, für die im künftigen deutschen Ostimperium kein Platz sein sollte.

Bedachte man die Konsequenzen für die sowjetische Bevölkerung? Eine Besprechung der zuständigen Staatssekretäre und Generale am 2. Mai 1941 läßt keinen Zweifel daran, daß ein Massensterben kühl einkalkuliert war: „Der Krieg ist nur weiterzuführen, wenn die gesamte Wehrmacht im 3. Kriegsjahr aus Rußland ernährt wird. Hierbei werden zweifellos zig Millionen Menschen verhungern, wenn von uns das für uns Notwendige aus dem Lande herausgeholt wird.“

So erklärt sich auch Hitlers Direktive, die Millionenstädte Leningrad und Moskau nicht zu besetzen, sondern „auszuradieren“ und auszuhungern, damit man die Bevölkerung nicht miternähren mußte. Die mit der Ausführung beauftragten militärischen Kommandostellen zweifelten zwar nicht daran, daß die deutschen Soldaten notfalls auf die hungernden Menschen schießen würden, hielten es aber doch für zweckmäßiger, eine Schleuse offen zu halten und die Bevölkerung über die feindlichen Linien abzuschieben.

Die Erwartung Hitlers und Görings, daß es im kommenden Winter in Rußland die „größte Hungersnot der Weltgeschichte“ geben werde, resultierte also keineswegs aus kriegsbedingten Erschwernissen einer geregelten Versorgung, sondern aus der klar erkennbaren Absicht der NS-Führung, die sowjetische Bevölkerung sterben zu lassen. Auch bei unteren Stellen war 1941 die Ansicht verbreitet, daß es im Osten einen „Menschenüberfluß“ gebe und daß man sich nur um den für deutsche Zwecke arbeitenden Teil zu. kümmern habe. So heißt es zur Erklärung in einer Dienstanweisung für die Arbeitsverwaltung: die Arbeiter müßten noch lange dafür büßen, daß sie das bolschewistische System geduldet haben.

Das Massensterben der sowjetischen Bevölkerung gehörte nicht nur zum Kalkül der Besatzungsbehörden. Es bildete zugleich den Ausgangspunkt für den „Generalplan Ost“. Dabei handelte es sich um ein detailliertes Dreißig-Jahres-Programm zur Besiedlung der künftigen Ostkolonien, zur „Germanisierung“ des Raumes zwischen Weichsel und Ural. Himmlers Planungsamt billigte der sowjetischen Bevölkerung nur noch den Status von Sklavenarbeitern im Dienste der „germanischen Wehrbauern“ zu. Ihre Zahl sollte zunächst um 31 Millionen Menschen verringert werden. 14 Millionen „Gutrassige“, die vorerst als Arbeitskräfte gebraucht wurden, sollten in Reservaten gehalten und allmählich abgeschoben werden: ein gigantischer Völkermord, in den der Holocaust an den Juden eingebettet war.

Der Wahn vom Ostimperium setzte 1941 bei den deutschen Eliten eine ungeheure Planungs-Euphorie frei. Vor allem die Wirtschaftsbürokratie, Konzern-Zentralen und Nationalökonomen machten sich Gedanken um die Ausgestaltung der künftigen europäischen „Großraumwirtschaft“. Damit war der Raum vom Atlantik bis zum Ural, vom Nordkap bis nach Afrika hinein gemeint, in dem die deutsche Wirtschaft grenzenlose Expansionschancen haben würde. Erste Verteilungskämpfe setzten bereits ein. Kommissionen und Expertentrupps sogenannter Ostgesellschaften schwärmten im okkupierten Gebiet aus um Inventur zu machen, Betriebe auszuschlachten oder in Besitz zu nehmen. Hitlers Direktive, die Frontkämpfer bei der Verteilung der Kriegsbeute zu bevorzugen, hemmte allerdings – solange der Krieg dauerte – in der deutschen Wirtschaft den „Drang nach Osten“.

Vom Planungsfieber wurde auch die Wehrmachtführung erfaßt. Riesige Übungsplätze im russischen Raum, eine Militärgrenze am Ural, von der aus gelegentliche Vorstöße mit Panzerkorps in den asiatischen Teil der UdSSR unternommen werden sollten, boten ungeahnte Entwicklungschancen. Die Kriegsmarine arbeitete an einem gigantischen Flottenbauprogramm. Das Heer wollte seine Panzerwaffe innerhalb von drei Jahren auf 40 000 Kampfwagen verzehnfachen. Göring ordnete eine Vervierfachung der Luftwaffe an. Dafür brauchte man die Ressourcen Rußlands, nicht aber sein Menschenpotential, jedenfalls nur einen geringen Teil.

War das nicht auch ein Grund für die anfänglich erschreckende Gleichgültigkeit in der Wehrmachtführung gegenüber dem Schicksal der sowjetischen Kriegsgefangenen, jenem Millionenheer Verzweifelter, die sich der Gnade der Wehrmacht ausgeliefert hatten? Auf die Einhaltung der Regeln einer „ritterlichen Kriegsführung“ hofften sie vergebens. Die Gefangenen waren letztlich nur Ballast, größtenteils unbrauchbares „Menschenmaterial“, die man auf den Transporten und in primitiven Lagern verkommen und verhungern ließ. Hunderttausende wurden aus politischen und rassischen Gründen ausgesondert und liquidiert, Unzählige teils auf den Straßen und in den Dörfern erschlagen oder erschossen, weil sie vor Erschöpfung nicht weitermarschieren konnten oder auch nur den Anflug von Widerspruch zeigten. Bedenken, wie es sie innerhalb der Wehrmacht auch gab, drangen in der Sieges-Euphorie nicht durch.

In seinen aufgezeichneten Tisch- und Kamingesprächen ließ sich Hitler zu schwärmerischen Visionen hinreißen. Der „Reichsbauer“ in den künftigen Ostkolonien, so erklärte er, werde in „hervorragend schönen Siedlungen hausen. Die deutschen Stellen und Behörden sollen wunderbare Gebäudlichkeiten haben, die Gouverneure Paläste“. Um sie herum die Reservate der slawischen „Heloten“, auf die man im Falle von Aufständen „nur ein paar Bomben zu werfen“ brauche. Künftig sollte einmal im Jahr ein „Trupp Kirgisen“ durch die Reichshauptstadt geführt werden „um ihre Vorstellung mit der Gewalt und Größe ihrer steinernen Denkmale zu erfüllen“. Fast überwältigten ihn seine Phantasien, so daß er ausrief: „Wenn ich dem deutschen Volk nur eingeben könnte, was dieser Raum für die Zukunft bedeutet.“ Er sei „unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren ... Das Land, das wir uns jetzt erschließen, ist für uns Rohstoff-Quelle und Absatzgebiet, nicht ein Feld für industrielle Produktion“.

Die „Eingeborenen“, also die slawische Bevölkerung, sollten auf möglichst niedrigem Kulturniveau dahinvegetieren, ihre Zahl entsprechend den Siedlungsfortschritten dezimiert werden. Also bloß keine wohlorganisierte Verwaltung schaffen, statt dessen Kommissare zur Beaufsichtigung, denen die Pistole locker sitzt. Schreib- und Lesefähigkeit der russischen „Untermenschen“ würden nur schaden. „Die Kenntnis der Verkehrsschilder genüge“, sagte Hitler, und es reiche völlig, in jedem Dorf einen Radiolautsprecher aufzustellen und die Menschen den ganzen Tag über mit fröhlicher Musik zu berieseln. Auf keinen Fall dürfe man sich um die Hygiene und Gesundheit kümmern. „Man muß ja wirklich unseren Juristen und Ärzten Gewalt antun: Nicht impfen, nicht waschen! Schnaps sollen sie haben und Tabak, soviel sie wollen.“

Aus aller Welt wollte der Diktator „arische“ Siedler herbeiholen, um diesen „wilden Osten“ zu germanisieren. Als Voraussetzung erkannte er den Bau von Schnellstraßen und imposanten Eisenbahntrassen. Blieben dies alles nur „Träumereien am Kamin“ eines größenwahnsinnigen Diktators, bei Tee und Gebäck im Kreis von andächtig lauschenden Sekretärinnen und Lakaien vor sich hin phantasiert? Keineswegs: Die Reichsbahn ließ bereits die Strecken abstecken, Agrarexperten bereiteten die ersten Ansiedlungen vor, und die Exekutionskommandos arbeiteten ohne Unterbrechung.

Schon bald aber wurde erkennbar, daß diese Politik, je länger der Kampf im Osten dauerte, den Interessen der deutschen Kriegsführung widersprach. Es meldeten sich daher auch warnende Stimmen und interne Kritiker des radikalen Kurses. Generalleutnant Hans Leykauf, Rüstungsinspekteur in der Ukraine, schrieb im Dezember 1941: „Wenn wir die Juden totschießen, die Kriegsgefangenen umkommen lassen, die Großstadtbevölkerung zum erheblichen Teile dem Hungertode ausliefern, im kommenden Jahr auch einen Teil der Landbevölkerung durch Hunger verlieren werden, bleibt die Frage unbeantwortet: Wer denn hier eigentlich Wirtschaftswerte produzieren soll.“ Und zur gleichen Zeit meinte der Oberbefehlshaber der 9. Armee: „Wäre der Rußlandfeldzug ein Blitzkrieg gewesen, hätten wir die Zivilbevölkerung nicht in Rechnung zu ziehen brauchen. Aber ein Ende ist nicht abzusehen ... Unter diesen Umständen ist es unvernünftig, einen Kurs zu verfolgen, der uns die Zivilbevölkerung 100%ig zum Feind macht.“

Hitler sah allerdings keinen Spielraum für einen solchen Kurswechsel, dafür stand für ihn mit dem „Lebensraumkrieg“ zuviel auf dem Spiel. Es ging ja nicht nur um vage Zukunftsideen, die notfalls zurückgestellt werden konnten, sondern auch um die Lösung drängender Probleme des NS-Staates. Durch die rasante Aufrüstung der dreißiger Jahre hatten sich die inneren sozialen und ökonomischen Spannungen erheblich verschärft.

Die Kosten von Rüstung und Krieg waren durch die Notenpresse finanziert worden, die Währung schon 1941 weithin zerrüttet. Eine schleichende Inflation förderte Aktienspekulation, Schwarzmarkt und Korruption. Da man der eigenen Bevölkerung die Kriegslasten möglichst ersparen wollte, mußte die Ausplünderung fremder Gebiete die Kassen des Reiches wieder füllen und der Industrie die dringend benötigten Ressourcen zuführen. Vom „größten Amortisationsplan der bisherigen Wirtschaftsgeschichte“ sprach man in Bankkreisen.

Der Mittelstand, wichtigste soziale Basis des Nationalsozialismus, war im Kriegsalltag durch die Stillegung von Klein- und Mittelbetrieben und andere Einschränkungen hart betroffen und pochte auf die Erfüllung der versprochenen Wohltaten. Nach den Meldungen des Sicherheitsdienstes gab es bereits im Mai 1941 offenen Protest und die Drohung, künftig zusätzliche Anstrengungen zu verweigern. In einem Schreiben an den Reichshandwerksmeister versuchte Himmler diesen Unmut mit der Aussicht zu besänftigen, daß sich „im neuen Ostraum“ ein Betätigungsfeld biete, wie es „größer und reizvoller in der deutschen Geschichte noch nicht gewesen“ sei. Die Schaffung eines „gesunden“ Mittelstandes aus Großbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden – dieses Gesellschaftsmodell sollte im Osten erprobt und später auch auf das Reich übertragen werden.

Schon jetzt wurden Arbeitsplätze im Besatzungsgebiet geschaffen. Eine große Zahl von SA-Männern strömte in gutbezahlte Positionen der Zivilverwaltung. Mehr als zehntausend Landwirte wurden nach Rußland geschickt, um dort – meist völlig auf sich allein gestellt – riesige Ländereien zu bewirtschaften und die Landbevölkerung zu beaufsichtigen. Die Aussicht auf ein „Rittergut im Osten“ beflügelte manchen Deutschen. Ins Schwärmen geriet selbst ein Mann wie Gerhard Hauptmann, Repräsentant des alten Bürgertums: „Landhunger. Rußland. Das Spiel ist ungeheuer. Die herrlichen Gegenden im Kaukasus: die Glückseligkeit neuer deutscher Besiedlung. Völkerwanderung nach Südosten. Ukraine.“

Auch dem Arbeiter versuchte die Partei diesen Eroberungskrieg schmackhaft zu machen. In zahlreichen Broschüren und Vorträgen wurde ihm die Perspektive eines Aufstiegs „Vom Proleten zum Herrn“ angeboten. Wohnungsbauprogramme, eine Verbesserung der Sozialversicherung und der Lohnordnung, das waren Entwürfe, die auf Hitlers Weisung in den Schubladen bereitlagen, um nach dem Endsieg auch den Arbeiter an der Kriegsbeute teilhaben zu lassen. Im übrigen aber sollte der Arbeiter dem Soldaten dankbar sein, denn er verteidige „Europa gegen das jüdische Ungeheuer. Nicht nur Deutschland wird von diesen deutschen Soldaten geschützt, sondern alle Völker Europas werden es einmal dankbar empfinden, daß Adolf Hitler diese deutsche Wehrmacht aufgerichtet hat, um Europa von dem jüdischen internationalen Polypen zu befreien“, schrieb Robert Ley, Führer der Deutschen Arbeitsfront.

Dem Soldaten wurden schon jetzt handfeste Belohnungen in Aussicht gestellt. Merkblätter warben für eine künftige Ansiedlung im Osten, und das Oberkommando der Wehrmacht setzte einen speziellen „Bevollmächtigten der Wehrmacht für Siedlungsfragen“ ein. Oberst von Bornhaupt bereitete in Zusammenarbeit mit der SS die Ansiedlung von Kriegsteilnehmern vor. Hier wurde eine alte Tradition wieder aufgenommen, denn bereits 1918/19 hatten sich Tausende von Freikorps-Soldaten mit dem Versprechen anwerben lassen, im Baltikum siedeln zu können. Diese ehemaligen Soldaten dienten jetzt in der Wehrmacht, vor allem als ältere Offiziere in den Kommandanturen, bei den Sicherungstruppen und anderen rückwärtigen Einrichtungen.

Bei den Fronttruppen ließ die Härte der Kämpfe kaum Zeit für solche Siedlungsträume. Aber auch dort waren sie nicht unbekannt. Nach dem ersten Winter überwog zwar allgemein das Gefühl: nie mehr Rußland, wie es in einem Stimmungsbericht des Panzerarmee-Oberkommandos 3 hieß. Dann aber, als es im Sommer 1942 wieder in die Offensive ging, hielt sich die NS-Propaganda nicht mehr zurück. Goebbels erklärte lautstark, daß dieser Krieg nicht für „Thron und Altar“ geführt werde, sondern ein Krieg sei „für Getreide und Brot, für einen vollgedeckten Frühstücks-, Mittags- und Abendtisch, ein Krieg für die Erringung der materiellen Voraussetzungen zur Lösung der sozialen Frage, der Frage des Wohnungs- und Straßenbaus, des Baues einer Kriegs-, Handels- und Reiseflotte, des Baues von Volkswagen und Traktoren, von Theatern und Kinos für das Volk bis ins letzte Dorf hinein, ein Krieg um die Rohstoffe“, nicht um Ideale.

Das verstanden offenbar viele Soldaten. In dem bereits zitierten Stimmungsbericht wurde registriert, daß sich die Soldaten – gleich nach dem Thema Nummer eins, Treue der Ehefrauen – Sorgen um ihre berufliche Entwicklung nach dem Kriege machten. „Immer wieder wird die Frage gestellt, wie sich die Lebensmöglichkeiten im Osten nach dem Kriege gestalten werden ... Es ist nicht im Spaß gewesen, wenn 2 Bataillons-Kommandeure sich ausmalten, wie sie ihre Btls.-Abschnitte einmal später zu 2 Nachbargütern ausbauen könnten.“ Solche Ansätze einer „werdenden Siedlungsbereitschaft“ sollten systematisch gefördert und die Soldaten dadurch zum Durchhalten motiviert werden.

Bald darauf aber, Anfang 1943, während in Stalingrad die 6. Armee verblutete, sah sich Rosenberg genötigt, alle obersten Reichsbehörden zur Zurückhaltung aufzufordern. Wendungen, daß Deutschland im Osten eine Kolonialpolitik treiben, die Bewohner ausbeuten und Siedlungen errichten wolle, würden von der Sowjetpropaganda nur ausgenützt werden und den Widerstandswillen des Feindes stärken. Aber die Planungs-Euphorie war kaum zu bremsen, und Hitler mußte sich noch im Sommer 1943 mit einem Geheimerlaß gegen allzu aufdringliche Bewerbungen von Partei- und Wehrmachtsvertretern um Landbesitz im Osten erwehren.

Zu einer Massensehnsucht entwickelten sich solche Siedlungsprojekte aber nicht. Der schwere Kriegsalltag an der Front und in der Heimat führte rasch zu einer Verdrängung der Kriegszieldiskussion, und die Propaganda hielt es für klüger, nur noch die „Gefahr aus dem Osten“ an die Wand zu malen.

Die „Untermenschen“- und Siedlungspropaganda, die kräftige Ausmalung des Feindbildes hatten zumindest eines erreicht: Die menschliche Begegnung zwischen Deutschen und Russen war kaum noch möglich. Die zahlreichen Befehle der Wehrmachtführung, mit denen ein „unerwünschter Verkehr“ deutscher Soldaten mit den Einwohnern untersagt wurde, deuten darauf hin, daß es solche Begegnungen aber dennoch gegeben hat. Im rückwärtigen Raum jedoch, wo ein erbarmungsloser Partisanenkrieg tobte, fielen die Einwohner ganzer Ortschaften hemmungslosen Rachefeldzügen deutscher Soldaten zum Opfer. Auch rücksichtslose Plünderungen von Einheiten, die von ihrer Führung ohne ausreichenden Nachschub gelassen wurden, waren an der Tagesordnung.

Keine Seltenheit waren allem Anschein nach auch Herrenmenschen-Allüren und Korruption bei den Besatzungsorganen. Rosenberg mußte Anfang 1942 die allgemein übliche Prügelstrafe ausdrücklich verbieten – sehr zum Verdruß der Landwirtschaftsführer, die meinten, daß anders die Russen nicht zur Arbeit zu bewegen seien. (Man einigte sich dann darauf, die Prügelstrafe künftig durch einheimische Handlanger ausführen zu lassen.) Einheimische wurden – ob Bauer oder Professor – generell geduzt. Sie selber empfanden sich als „die weißen Neger der Deutschen“. Auch die sowjetischen Staatsangehörigen, die als Kriegsgefangene, sogenannte Ostarbeiter und Zwangsarbeiter – darunter eine Mehrzahl von Frauen und Kindern – nach Deutschland geschickt worden waren, erlebten hier an den Werkbänken, auf den Feldern und in den Bergwerken nur selten eine menschliche Behandlung. Sie waren kaum bessergestellt als die Juden. Erst im März 1945 wurden die diskriminierenden Regelungen aufgehoben. Nur dem Umstand, daß die Nazis dringend Arbeitskräfte brauchten, verdankten sie letztlich ihr Überleben. „Bundesgenossen“ im Kampf gegen den Bolschewismus, wie sie von der NS-Propaganda in der letzten Kriegsphase hingestellt wurden, waren diese Zwangsarbeiter nicht.

Hunderttausende, die noch 1943/44 von der Wehrmacht bei ihren Rückzügen (Stichwort: „Verbrannte Erde“) verschleppt wurden – ihrer Habseligkeiten beraubt, die Kinder als Flakhelfer mißbraucht oder in spezielle Kinderlager entführt – spürten am eigenen Leibe, daß die Deutschen nicht nur gegen die Kommunisten Krieg führten, sondern gegen ihre slawischen Nachbarn insgesamt. Und aus dem Angriffs- und Eroberungskrieg von 1941 wurde durch die Niederlage der Wehrmacht sowie den Vormarsch der Roten Armee nicht zwangsläufig ein gerechter nationaler Verteidigungskrieg.

Wer aber die Folgen dieses Krieges für die deutsche Nation beklagt, sollte die Schuld nicht bei denen suchen, die 1941 das Opfer deutscher Politik wurden und denen das Schicksal zugedacht war, die „weißen Neger“ der Deutschen, ja, schließlich vernichtet zu werden. Demgegenüber stellt sich das deutsche Schicksal nach 1945 glückhafter dar als es zwei so unterschiedliche Männer wie Hitler und sein späterer Attentäter, Graf Stauffenberg, voraussahen.

Hitler zu Goebbels am 23. Juni 1941: „Und haben wir gesiegt, wer fragt uns nach der Methode. Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, daß wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert“ würde.

Und Stauffenberg, Ende 1942: Deutschland sei dabei, „im Osten einen Haß zu säen, der sich einstmals an unseren Kindern rächen werde“.

Beide irrten. Das deutsche Volk wurde nicht „ausradiert“, und den Deutschen begegnet heute in der Sowjetunion nicht „Haß“, sondern die Bereitschaft zur Aussöhnung. Sie sollte nicht unerwidert bleiben.