Von Bartholomäus Grill

Hannover, im Juni

Mit einem guten Freund am Feierabend ein Bierchen oder mehr zu trinken, gehört zu den normalsten Sachen der Welt. Nichts anderes hat nach eigenem Bekunden Richard Lehners getan, als er noch Innenminister von Niedersachsen war. Manchmal aber geschehen vorm Tresen so ungewöhnliche Dinge, daß sie sogar Gegenstand eines Parlamentarischen Untersuchungsausschusses werden. Sonderbares soll sich vor Jahren im Stammlokal des heute 70jährigen Sozialdemokraten zugetragen haben; es hängt womöglich eng zusammen mit einem jener Skandale, die Hannover neuerdings aus der norddeutschen Tiefebene herausheben.

In der jüngsten Affäre geht es um Spielbanken, um viel Geld also und absonderliche Querverbindungen zwischen Kasino-Hinterzimmern, Parteibüros und Ministerien. Parteiübergreifend stehen schwere Vorwürfe im Raum 1105 des niedersächsischen Landtages, wo der Parlamentarische Untersuchungsausschuß tagt: Bestechung, Vorteilsannahme, Erpressung, Stimmenkauf, fragwürdige Parteifinanzierung, eklatante Versäumnisse bei der staatlichen Spielbanken-Kontrolle.

Ex-Minister Lehners weiß, was hier gespielt wird. Schon zum zweiten Mal muß er vor dem um Aufklärung bemühten Gremium Rede und Antwort stehen. Demonstrativ gelassen betritt er den Saal, nimmt so schwungvoll seinen Sessel ein, als sei’s ein Stuhl am Kabinettstisch, und lächelt selbstbewußt ins Blitzlichtgewitter, als ob er sagen wollte: "Schaut her, ich habe nichts zu verbergen." Als dann die surrenden Kameras und die Murmelnden ringsum verstummen, beschleicht auch "King Richard" (sein Spitzname unter Altgenossen), den Souveränen, die Einsamkeit des Zeugen vor dem Ausschuß. Doch schon mit der ersten Antwort schüttelt er alle Befangenheit ab.

Um Lehners Einlassungen zu verstehen, muß man wissen, daß er sich früher gelegentlich mit seinem unterdessen verstorbenen Intimus Fritz Harenberg, dem Wirt der Flughafengaststätte in Hannover-Langenhagen, bei einem kühlen Blonden unterhalten hat. Der wiederum war ein Verbindungsmann der Gruppe Kalweit. Dieses 1968 aus der Taufe gehobene Konsortium hat sich intensiv um eine Betriebsgenehmigung für eine Spielbank bemüht. Und Richard Lehners war damals als Innenminister zuständig für Kasino-Konzessionen. Bevor aber in Niedersachsen die Glückskugel überhaupt rollen und der Staat 85 Prozent der Überschüsse einstreichen durfte, mußte erst einmal ein Spielbanken-Gesetz verabschiedet werden. Nicht jeder Parteifreund des Ministers mochte sich für dieses Vorhaben begeistern; zu sehr roch das Roulette in der Nase mancher Sozialdemokraten nach schmutzigem Kapitalismus. Aber es gab ja auch noch die Christdemokraten in den Oppositionsbänken, und es erschien nicht anrüchig, auf deren Zustimmung zum gewünschten Gesetz zu vertrauen.

Vertrauen ist gut, Kontakte sind besser: Angeblich legte das geldhungrige Trio um den Gastronomen Kaiweit seinerzeit einen heißen Draht zur CDU – über deren Werbeberater im Landtagswahlkampf 1967, Laszlo Maria von Rath. Der quirlige Ungar hat, wie er selber sagt, die Verbindung hergestellt und ein Treffen zwischen Kaiweit und dem damaligen CDU-Generalsekretär Haaßengier arrangiert. Unlängst versicherte der mittlerweile als Dollar-Millionär im fernen Florida lebende Rath an Eides statt, er habe "im Auftrage der CDU Niedersachsen mit der Bewerbergruppe um den hannoverschen Kaufmann Rudolf Kaiweit verhandelt". Zudem existiert ein delikater Brief des CDU-Vorsitzenden Wilfried Hasselmann vom 30. April 1969 an Kalweit. Darin teilte er ihm mit, von Rath gebeten zu haben, "ein etwas diffiziles Problem, das unsere Partei in Niedersachsen beschäftigt, Ihnen vorzutragen". Welches Problem gemeint war, weiß nur der CDU-Mann selber.