Lehrling brachte den ausländischen Kunden zur Strecke

Tübingen

Am 19. August 1987, nachmittags gegen 17.15 Uhr, endete in einem Tübinger Hinterhof das Leben des iranischen Asylbewerbers Kiumars Baba Abdollah. Der 24jährige, der mit einem auf den Namen Kiumars Javadi lautenden Paß vor dem Khomeini-Regime geflohen war, wurde von einem damals 18jährigen Lehrling der Supermarkt-Kette "Pfannkuch" "in den Schwitzkasten genommen" und 18 Minuten lang gewürgt. Dann kam die Polizei, um den Iraner als Ladendieb zu verhaften. Dies erwies sich als unnötig: Javadi war bereits verschieden, zwischen leeren Apfelsinenkisten, Abfall und einem Müllcontainer, umringt von Tübinger Bürgern, die nicht einzugreifen wagten.

Zehn Monate später, am 30. Juni 88, sitzt im holzgetäfelten großen Saal des Tübinger Landgerichts der Richter Rolf Dippon, der nach drei Verhandlungstagen zu einer bemerkenswerten Einschätzung dieses Ereignisses kommt: "Das Opfer hat bedauerlicherweise durch sein Verhalten wesentlich zur Unglückstat mit beigetragen." Strafmildernd für den Lehrling sei zu berücksichtigen, daß dieser "ausschließlich die Interessen seines Arbeitgebers" verfolgt habe.

Auch der dem Lehrling assistierende und nun mitangeklagte "Pfannkuch"-Filialleiter, der seinerzeit das linke Bein des Asylbewerbers im Gelenk verdreht und "eine Hebelwirkung angesetzt" hatte, habe "sich nach dem Befinden des Abdollah durchaus erkundigt". Die beruhigende Antwort des Lehrlings ("der schnauft ja noch") hatte auch den Filialleiter zum Weiterdrücken veranlaßt, bis die Polizei der Leiche Handschellen anlegte. Freilich, so Richter Dippon, hätte den Angeklagten "die Gefährlichkeit dieses Festhaltens" bewußt sein müssen. Jedoch: "Beide Angeklagten waren von der Situation überfordert." Dies habe er als Jurist "völlig emotionslos" festzustellen.

Warum die Alltagsbagatelle eines Ladendiebstahls zum Kampf auf Leben und Tod eskalierte, das wird nach diesem Prozeß wohl nicht mehr geklärt werden können. Ein Richter, der nicht nachfragte. Verteidiger, die beim kleinsten Disput sofort "mitteleuropäische Umgangsformen" einklagten, gleichzeitig aber jeden Verdacht der Ausländerfeindlichkeit – auch im Namen ihrer Mandanten – weit von sich wiesen.

Hatte der Lehrling Andreas U., während er den Kiumars Javadi erwürgte, "große Angst"? fragt verständnisvoll der Vorsitzende Richter. – "Hatt’ ich, ganz klar." – "Hat der Iraner noch was geäußert?" – "Nein." – "Das war für Sie völlig fremd, daß das zum Tode führen könnte?" – "Selbstverständlich."

Wovor hatte Lehrling Andreas U. Angst? Vor Javadi, der hilflos in seinem Griff zappelte? Vor den Umstehenden, die ihm zuriefen "Hör auf, du bringst ihn um", und denen er erwiderte: "Halt’s Maul, oder du kriegst eins auf die Gösch?" Er habe das Beste gewollt. Einen Dieb der Polizei übergeben. So sei er erzogen worden. 50 Mark Fangprämie zahlt "Pfannkuch" pro Diebstahl, kein übles Kopfgeld, wenn man als Lehrling 400 Mark netto verdient. Die Prämie wird direkt von den Ertappten "erhoben", wie ein Schild in der Tübinger Filiale noch heute verkündet.

Neunzehn Diebstähle hat Andreas U. in seinem ersten Lehrjahr aufgeklärt. Zwölf der von ihm Festgenommenen waren Asylbewerber. Auf diese Gruppe hatte er ein besonders waches Auge. Als es mit zwei flüchtenden Ghanaern zu einer Rangelei kam, kaufte sich Andreas U. einen Gummiknüppel, den er, offenbar ohne Einwände der Geschäftsleitung, zur Selbstverteidigung bereithielt. Von den fälligen Prämien aber will er nur einhundert Mark kassiert haben – "ich hab’ nichts gefordert".

Das Gericht hat das nicht überprüft. Der kompakte, privat sehr schüchterne Lehrling entwickelte während der Geschäftszeiten einen ausgesprochenen Übereifer, die Verkäuferinnen zu stützen und maskulinen Rollenmustern zu entsprechen; er war der heimliche Filialleiter. Zeugen rühmen seine Zuvorkommenheit und sein Pflichtbewußtsein.

Auch im Fall des Kiumars Javadi mischte sich der Lehrling ein, obwohl er zunächst gar nichts damit zu tun hatte: Der Iraner Javadi versuchte mit einem Einkaufswagen durch den Hintereingang zu verschwinden und wurde dabei von einer Verkäuferin gesichtet. Daraufhin ließ er den Wagen innerhalb der Verkaufsräume stehen, ging an die Kasse und wollte zwei Dosen Bier bezahlen. Dort wurde er vom Metzger der Filiale, der ihm Frischfleisch verkauft hatte, zur Rede gestellt und aufgefordert, auch die im Wagen befindlichen Waren zu zahlen, Wert: 54,40 Mark. Javadi hatte kein Geld. Nach deutschem Recht liegt hier bereits Diebstahl vor. Javadi aber war sich keiner Schuld bewußt, der Wagen stand ja noch im Laden. Nun trat Lehrling Andreas in Aktion: Mit beiden Armen umklammerte er den Asylbewerber und schleppte ihn in einen etwa 15 Meter entfernten Nebenraum. Dort hing auch der Gummiknüppel.

Kiumars Javadi wurde im Iran von der Geheimpolizei gesucht. Die Chance, Asyl zu erhalten und nicht abgeschoben zu werden, wird durch polizeibekannte Verfehlungen praktisch zerstört. Im Nebenraum der Firma Pfannkuch wurde ihm eröffnet, daß man nun die Polizei hole. Javadi bekam panische Angst, schimpfte und drohte, es kam zu einer Auseinandersetzung, in deren Verlauf der Lehrling einen Schlag erhielt (andere Zeugen sprachen von einem "Schubser"). Der Metzger ergriff den Gummiknüppel, und der Lehrling riet dem Asylbewerber: "Bleib cool, dann passiert gar nichts." Als der Filialleiter von außen die Tür aufschloß, versuchte Javadi zu fliehen – Handgemenge, der Metzger wird in den Finger gebissen und schreit "Aua, er hat mir den Finger ab(!)gebissen", U. hechtet hinter Javadi her und setzt seinen Würgegriff an. Der Iraner kann nicht einmal um Hilfe rufen. "Der Kunde", sagt der Lehrling, "war in Bauchlage, ich seitlich daneben." Der Filialleiter (Hobby: Karate) verdreht Javadi das linke Bein ("ich sah das als geeignete Maßnahme an"). Nach drei Minuten macht Javadi keine Bewegung mehr, was als "Einsicht" gedeutet wird.

Im Saal 102 des Tübinger Landgerichts spielt sich nun eine unglaubliche Inszenierung ab: Der Todeskampf des Asylbewerbers wird interpretiert als Gegenwehr, Widerstand, ja Bedrohung des Würgenden. "Ich hatte Angst, daß ich zusammengeschlagen werde", gibt Andreas U. zu Protokoll. Wie Javadi sich denn hätte verständlich machen sollen, fragt der Staatsanwalt Hans-Joachim Heuer. "Ich hatte Angst", antwortet Andreas U. Die zuschauenden Tübinger Bürger haben immerhin "einen Ausdruck von Resignation" (so ein Zeuge) im Gesicht des Iraners bemerkt. "Eine völlige Geräuschlosigkeit" sei beim Ersticken nicht möglich, sagt der untersuchende Rechtsmediziner. Der Angeklagte habe durch mehrere Sinnesdimensionen bemerken müssen, was vor sich ging. "Er mußte es nicht", belehrt der Vorsitzende den Sachverständigen.

Von der großen Angst des Andreas U. ist im Gerichtssaal nichts mehr zu spüren. Wenn er vom "Schwitzkasten" erzählt, dann, sitzt er teilnahmslos da, dreht die Daumen seiner gefalteten Hände, schaut den verhörenden Staatsanwalt vorwurfsvoll an und sagt: "Ja, der geht halt so, der Schwitzkaschten." Das Erlebnis ist emotional einfach an ihm abgetropft, Erinnerung zwecklos.

Andreas U., der seine Lehrzeit nunmehr abgeschlossen hat, aber noch immer keine Reichtümer verdient, hat einen teuren Anwalt: Rolf Bossi. Aber Bossi ist nicht selbst gekommen; er hat Ulrich Ziegert geschickt, der die Tat seines Mandanten als "einmaligen Fehlgriff" einordnet, eine Tötungsabsicht sei nicht nachzuweisen, also fahrlässige Tötung, Jugendstrafrecht möge bitte angewandt werden. Dem wird entsprochen.

Der Staatsanwalt ("Ausländerfeindlichkeit hat hier keine Rolle gespielt") nennt den Angeklagten "roh und gefühllos" und fordert zweieinhalb Jahre Jugendstrafe; für den Filialleiter drei Jahre Freiheitsstrafe. Dessen Verteidiger, Ulrich Aufdermauer, beantragt Freispruch für seinen Klienten mit dem Hinweis, daß auch Prozesse wg. "Tod im Polizeigriff" gewöhnlich mit Freispruch für die Polizisten enden.

Beide Herren widmeten Teile ihres Plädoyers der Schelte der Presse; auch Richter Dippon erregte sich über eine "bedauerliche Kampagne". Die Tübinger Lokalzeitung hatte vor einem Jahr sorgfältige Recherchen angestellt, aber auch Leserbriefe gedruckt, die der Pfannkuch-Geschäftsleitung das Motto "Geld oder Leben" nachsagten.

Im Gerichtssaal blieb es letzte Woche wider Erwarten ruhig. Nur Javadis Witwe wurde bei einer persönlichen Erklärung vom Vorsitzenden zur "Mäßigung" aufgerufen: "Sagen Sie ihr, sie möge sich mäßigen, auch wenn sie aus dem Orient kommt." Richter Rolf Dippon, ein Mittfünfziger, suchte der von ihm beobachteten "Vorverurteilung" durch "strafrechtliche Kategorien" zu begegnen und fällte einen milden Schiedsspruch: ein Jahr und sechs Monate für beide Angeklagten – im Bewährung. Lehrling Andreas U. in seinem Schlußwort: "Tut mir leid, es soll nicht wieder vorkommen." Kiumars Javadi, im Entwurf zu seilem Asylantrag, über die Bundesrepublik Deutschland: "Ich bin glücklich, in einem freien Staat mit liebenswürdigen Menschen leben zu dürfen." Christian Gampert