Von Claudius Seidl

Am Sonntag letzter Woche konnte man die Sendungen von Radio Togo auch in Bayern empfangen. „Hallo Freunde“, warb der Moderator, „ich hoffe, die Musik hat euch gut eingestimmt. Denn jetzt kommt unser Highlight der Woche. Wir bringen die Sendung ‚Ich war ein falscher Voodoo-Priester‘“. Dann trat ein schüchterner Schwarzer vors Mikrophon und beichtete seine Sünden: Er habe sich als Voodoo-Priester ausgegeben, obwohl ihn die Erleuchtung niemals gestreift habe. Er habe die Zeichen falsch gedeutet und sich im Dschungel der Symbole verirrt. Er habe sich von Bildern blenden lassen und mit Fetischen Schindluder getrieben. Die Hörer in Togo wußten, wovon der Mann sprach. Das bayerische Publikum ebenfalls: Es war mal wieder Filmfest in München.

Nach dem falschen kam der echte Voodoo-Zauberer. Er hieß André und gab sich zugänglich. Er zeigte stolz seine Kräuter und erklärte auch deren Wirkung. Er präsentierte seine Fetische und erläuterte deren Gebrauch. Seine Zauberkünste liefen auf zwei Grundregeln hinaus: Man braucht nur das Bild eines Mannes, um diesem Mann etwas Böses zu tun. Und in jedem Ding, ob Heilpflanze, Cola-Dose, Photoapparat, stecken Geheimnisse und verborgene Zauberkräfte. Man könnte es auch so sagen: Jedes Bild ist eine Tatsache, und die Welt der Dinge ist auch nur ein Zeichensystem. Der Voodoo-Mann André war nie im Kino. Aber dessen Wesen hat er genau durchschaut: Alles ist Zauberei. André trat auf in „Gin für die Götter“, einem Dokumentarfilm von Peter Herrmann und Gabriele Wengler. „Gin für die Götter“ lief am ersten Abend des Münchner Filmfests; für die folgenden Tage gab er die Richtung an: Man müßte aufs Unfaßbare gefaßt sein.

„Ich kann es nicht fassen“, klagte ein paar Tage später ein Häuptling aus Neuguinea. „Woher kommen die weißen Leute? Was wollen sie hier? Und warum machen sie immer Bilder von uns? Wir fahren doch auch nicht ins Land der Weißen, um dort Bilder von den Eingeborenen zu schießen.“ Also sprach der Häuptling in Dennis O’Rourkes Dokumentarfilm „Cannibal Tours“. Der Film erzählt von europäischen Touristen, die in ferne Länder fahren, um dort Bilder zu machen. Und von den Bildern, die dieses Betragen in den Köpfen der Eingeborenen hinterläßt. Die Schwarzen und die Weißen stehen sich gegenüber in „Cannibal Tours“, sie können einander betrachten, beschnuppern, belasten – und werden einander doch nie begreifen. Das liegt daran, daß zwischen den Menschen die Bilder stehen. Es ist wie verhext: Auch der weiße Mann huldigt seinen Fetischen und wendet faulen Zauber an. Er weiß nur nichts davon. Noch hat die Sendung „Ich war ein falscher Voodoo-Priester“ keinen Platz im Programm des Bayerischen Rundfunks.

Statt dessen brachte der Bayerische Rundfunk an jedem Filmfest-Abend die beliebte Reihe „Live aus dem Gasteig“: eine brave und stockseriöse Kinosendung. Und doch löste diese Sendung einen veritablen Skandal aus. Eines Abends nämlich war die italienische Schauspielerin Stefanie Sandrelli zu Gast beim Bayerischen Fernsehen. Der Moderator gab sich nicht zufrieden mit der Rolle des Schmeichlers und Stichwortgebers, stellte der Dame ein paar freche und provokante Fragen – und Frau Sandrelli konterte souverän. Hinter den Kulissen aber lauerten die Filmfest-Organisatoren und kriegten (war Voodoo im Spiel?) das Gespräch in die falsche Kehle. Der Moderator habe den Ehrengast und somit das ganze Filmfest beleidigt, fanden sie und petzten die Affäre sofort Eberhard Hauff, ihrem Chef. Der hatte zwar die Sendung nicht gesehen, bekam aber trotzdem einen roten Kopf, stürmte ins Studio und brüllte laut: „Wo ist der Journalist? Den bring’ ich um.“ Hauff war nicht verhext an jenem Abend, das ist so sein Stil. Das Wunderbare und Unfaßliche am Münchner Filmfest aber bleibt: nicht einmal sein Chef kann es kaputtmachen.

Im Gegenteil. Weniger ist mehr, hieß das Motto in diesem Jahr. Das Programm wurde gestrafft und entschlackt – darüber waren alle glücklich. Filmregisseure, Filmfans und Filmkritiker wurden dabei beobachtet, wie sie sich abends im Biergarten trafen, wie sie friedlich und streßfrei an Schweinshaxen nagten und hinterher das Kino schwänzten, um in Ruhe über den Film vom Nachmittag zu reden. Das tat allen gut: den Filmen, den Kinoguckern und natürlich den Biergärten.

Ein Film, über den man noch lange reden wird: „Sur“ von Fernando Solanas. Ein argentinischer Film, so schwermütig wie ein Tango und so uferlos wie die Vorstädte von Buenos Aires. Der Held heißt Floreal, war jahrelang aus politischen Gründen im Gefängnis und ist nun endlich freigekommen. Er kehrt zurück, zu seiner Frau, in sein Viertel, in sein Leben – und ist doch verdammt dazu, ein Fremder zu bleiben. Denn in den Winkeln wohnen noch die Gespenster der Diktatur, auf den Straßen liegen die Schatten der Vergangenheit, und die bösen Geister lassen sich so schnell nicht bannen. Ob er glaube, daß politische Filme etwas bewirken könnten, habe ich Solanas in München gefragt. Seine Antwort: „Ich beschwöre die Vergangenheit, damit sie niemals wiederkehre.“ Auch er ein Zauberkünstler, ein Wundermann?