Von Wolfram Wette

Gründe, sich mit dem deutsch-sowjetischen Krieg auseinanderzusetzen, gibt es zur Zeit jede Menge. Erstens ist da die Reformpolitik Gorbatschows, die altes Feindbilddenken brüchig werden läßt und zu der Frage führt, ob die bisherige Einschätzung der Sowjetunion wirklich der Realität entspricht. Dann ist da die Hoffnung auf eine erneuerte und tiefergreifende Entspannungspolitik. Wer sie wünscht, darf die Frage nach den historischen Belastungen des deutschsowjetischen Verhältnisses nicht ausklammern; Geschichtliches drängt in die aktuelle Politik hinein. Hinzu kommt das Interesse der Jüngeren. Hier ist manches versäumt worden, obwohl die Forschung die wesentlichen Fakten bereits in den sechziger Jahren aufbereitet hat: vielleicht eine Folge des "großen Schweigens" der Kriegsgeneration auch über dieses Thema beziehungsweise des beschönigenden Redens und Schreibens darüber.

Anlaß zur Auseinandersetzung mit dem Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges bieten aber auch Äußerungen konservativer Historiker, die an der Überfall-These zweifeln und die statt ihrer die Legende wieder zu verbreiten trachten, Hitler sei Stalin vielleicht doch nur zuvorgekommen, er habe einen "Präventivkrieg" führen müssen. Erwägungen dieser Art sind auch während des Historikerstreits hochgekommen. Sie standen zunächst im Schatten anderer Thesen, drängen aber seit einiger Zeit zunehmend in den Vordergrund, obwohl hierfür eine Veranlassung wissenschaftlicher Art nicht zu erkennen ist.

Am äußersten rechten Rand unseres politischen Spektrums war die – auf 1941 bezogene – Präventivkriegslegende schon immer heimisch. Mit jenen Unbelehrbaren ließ sich jedoch um so eher leben, als die seriöse deutsche Presse es mit der wissenschaftlichen Forschung hielt und den Angriffskrieg einen Angriffskrieg nannte. Seit dem Sommer 1986 schwappt die Präventivkriegsthese dann jedoch über das rechtsradikale Lager hinaus und erhielt zum Beispiel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mehr als ein halbes Jahr lang eine Plattform. Exotenmeinungen drohen nun, salonfähig zu werden. Das geschah im zeitlichen und sachlichen Zusammenhang mit der Aussicht auf ein erstes wirkliches Abrüstungsabkommen. Nicht zufällig war es zugleich die Zeit der Diskussionen über das sowjetische Perestrojka-Reformkonzept. Beide Entwicklungen provozierten im rechten Lager wieder "Warnungen vor den Russen".

Den Startschuß gab ein Leitartikel der FAZ mit der bezeichnenden Überschrift "Der Krieg der Diktatoren". Sie sollte suggerieren, daß dies nicht Hitlers Krieg war, sondern der Krieg zweier Diktatoren, des braunen und des roten, die – wie es eine bestimmte Version der mißbrauchten Totalitarismustheorie will – zu allem Bösen fähig sind. Der FAZ-Autor Günther Gillessen konstruierte auf diesem Wege eine Art von politisch-moralischer Gleichsetzung beider Regime. So verliert der Überfall Hitlers sein historisches Eigengewicht und wird unversehens zu einem Anlaß, den Stalin propagandistisch ausschlachten konnte. Aus dieser Sicht wurde Stalin nicht etwa in einen Verteidigungskrieg hineingezwungen. Vielmehr gab Hitler Stalin lediglich die Möglichkeit, seine eigenen expansiven Kriegspläne zu verschleiern.

Damit wurden Schleusen geöffnet. In zum Teil überlangen Leserbriefen mit Überschriften wie "Stalin wollte den Krieg", "Offensive Militärkonzeption", "Der sowjetische Aufmarsch 1941", "Hitler zum Handeln gezwungen" und "Stalins Kriegsplan und Hitlers Angriff" wurde ein Thema diskutiert, dem bislang in der konservativ-demokratischen Presse in dieser Breite kein Raum gegeben worden war. Im Februar 1987 wurde die "Debatte" dann mit dem Leitartikel "Der Krieg der Diktatoren – Ein erstes Resümee der Debatte über Hitlers Angriff im Osten" weitergeführt. Gillessen distanzierte sich jetzt zwar von der platten, im Gefolge der NS-Propaganda von 1941 segelnden Präventivkriegsthese, orakelte aber weiterhin: "Das Rätsel über Stalins Absichten bleibt ungelöst, solange die sowjetischen Archive verschlossen bleiben." Bis dahin mochte er sich allerdings nicht an die Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft halten, sondern an die Version vom "Krieg der Diktatoren", die eine Halbierung der Schuld zu ermöglichen schien.

Der Weltkriegsforscher Andreas Hillgruber hat in seinem 1965 erstmals publizierten und 1982 neu aufgelegten Werk "Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940-1941" eindeutig gegen die Präventivkriegsthese Stellung genommen: "Aus dem Zusammenhang unserer Darstellung hat sich mit aller Deutlichkeit ergeben, daß bei Hitlers Angriff auf die Sowjetunion von einem ,Präventivkrieg‘ im üblichen Sinne des Begriffs, einer Kriegshandlung, die unternommen wird, um einen zum Angriff bereiten oder schon dazu ansetzenden Gegner durch die Auslösung eines eigenen Angriffs zuvorzukommen, keine Rede sein kann. Vielmehr war die Eroberung des europäischen Rußland zur Aufrichtung eines deutschen Imperiums in Kontinentaleuropa bereits seit der Mitte der zwanziger Jahre Hitlers großes Ziel, das er seit seiner ,Machtergreifung’ 1933 unbeschadet aller taktischen Wendungen seiner Politik konsequent ansteuerte."

Obwohl Hillgruber von dieser Einschätzung auch unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte in den beiden letzten Jahren nicht abgewichen ist, redete einer seiner Schüler, der Bonner Historiker Klaus Hildebrand, nun in der Historischen Zeitschrift ohne erkennbaren wissenschaftlichen Grund einer im Stile der vorerwähnten FAZ-Argumente gehaltenen Diktatoren-Kriegsschuldthese das Wort. Zwar blieb ihm der deutsche Angriff ein "Überfall", aber im gleichen Atemzuge stellte er die Behauptung auf, "daß Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion Kriegszielprogramme verfolgten, die Autonomie besaßen und auf die Dauer dem Konflikt gar nicht entgehen konnten". Denn: "Eigenständig begegnete dem nationalsozialistischen Eroberungsprogramm das ebenfalls weit gespannte, spätestens seit dem Jahre 1940 festliegende Kriegszielprogramm Stalins." Wer das gerne belegt haben möchte, wird von Hildebrand auf die "mangelhafte Quellenlage" verwiesen und erfährt, daß es eben schwierig sei, "über die ideologische Qualität des weltweiten Herrschaftsanspruchs der Sowjetunion hinaus", den er als eine feststehende historische Größe unterstellt, etwas Konkretes über die sowjetische Außenpolitik zu sagen. Worum es diesem Historiker geht, hat er bei anderer Gelegenheit (in einer Sendung des NDR über den Historikerstreit am 4. Januar 1987) offen ausgesprochen. Er sieht, was den Kommunismus angeht, seit dem Ende der sechziger Jahre – Beginn der Entspannungspolitik – eine "Aufweichungserscheinung", und dieser will er mit historiographischen Mitteln entgegenwirken.

Doch gewichtiger noch dürfte die Stimme des Berliner Historikers Ernst Nolte sein, der seit dem Historikerstreit weit über die Grenzen des Fachs hinaus bekannt geworden ist. Nolte, der ins Gerede kam, weil er die Massenverbrechen des Hitler-Staates als eine Reaktion auf bolschewistische Untaten darzustellen versuchte, hat in seinem gerade erschienenen Buch "Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945 – Nationalsozialismus und Bolschewismus" zumindest offengelassen, ob der Überfall von 1941 nicht doch ein Präventivkrieg gewesen sein könnte.

Nun wären diese und andere Versuche zur Wiederbelebung der Präventivkriegsthese wissenschaftlich und politisch nicht sonderlich ernst zu nehmen, gäbe es da in unserer Gesellschaft unter gleichgesinnten Kriegsteilnehmern nicht jenes verbreitete Stammtischgeraune, das sich solche Entlastungsargumente zunutze macht, um das eigene, verkrustete Weltbild nicht antasten zu lassen.

Wer kennt nicht Äußerungen ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht, die in Rußland Krieg führten, wie diese: "Wir haben doch nur unsere Pflicht getan und Volk und Vaterland verteidigt!" oder: "Es galt unser Land vor dem Bolschewismus zu bewahren." Oder: "Uns hat damals niemand gesagt, daß es kein Verteidigungskrieg war." Der frühere Präsident des Ringes Deutscher Soldatenverbände, Generalmajor a.D. Niemack, bestritt anläßlich der Ausstrahlung der amerikanisch-sowjetischen Gemeinschaftsproduktion "Der unvergessene Krieg" 1981 im deutschen Fernsehen jede Mitverantwortung der Soldaten der deutschen Wehrmacht. Er legte dar, der deutsche Soldat habe doch nur "treu seine Pflicht erfüllt". Auf den Aspekt der Verteidigung abhebend, behauptete er – und dies nun eindeutig im Gegensatz zur historischen Wahrheit –, der Wehrmachtsoldat habe "täglich sein Leben für Heimat und Vaterland" aufs Spiel gesetzt.

Für Heimat und Vaterland also! Wie kann es heute noch zu einer solchen horrenden Fehlinterpretation des Hitlerschen Eroberungs- und Vernichtungskrieges kommen? Wie ist es zu erklären, daß sich manche Zeitgenossen – meist Angehörige der Kriegsgeneration – noch immer weigern zu erkennen, in welchem Ausmaß seinerzeit mit der gemeinhin als legitim geltenden Idee der nationalen Landesverteidigung Schindluder getrieben worden ist?

Eine allgemeine Begründung hierfür mag in dem schillernden Verteidigungsbegriff selbst zu suchen sein. Er wurde und wird bekanntlich in einem doppelten Wortsinn gebraucht: einmal politisch zur Rechtfertigung eigenen Handelns gegen einen Aggressor, zum anderen in einem rein militärischen Sinn. Aber damit nicht genug. Seit jeher haben sich Politiker unterschiedlicher Länder über den vorgenannten seriösen Wortgebrauch hinaus in mehr oder minder drastische Verteidigungslügen geflüchtet, um die eigene Interessenwahrung im weitesten Sinne, also auch unter Einschluß aggressiver Handlungen, "diplomatisch" zu verdecken. Zu solchem Mißbrauch des Verteidigungsbegriffs gehört es auch, ihn von der Vorstellung des Schutzes des eigenen Staatsgebiets abzulösen und Interessenwahrung selbst in entfernten Teilen der Welt als "Verteidigung" zu deklarieren. Noch deutlicher wird das Problem vielleicht, wenn man sich vor Augen führt, daß es weder dem Völkerbund noch den Vereinten Nationen gelungen ist, das Gegenteil von Verteidigung, nämlich den Angriffskrieg, zu definieren.

Auch in der preußisch-deutschen Geschichte läßt sich dieser willkürliche Umgang mit dem Wort Verteidigung und sein Einsatz als propagandistisches Herrschaftsmittel mehrfach belegen. Friedrich II. von Preußen zum Beispiel gab 1740 seiner Armee den Angriffsbefehl gegen Schlesien und beauftragte wenig später seinen Mitarbeiter Heinrich Graf von Podewils, sich eine justa causa auszudenken, also einen "gerechten Grund", ein Rechtfertigungsmotiv, das mit der herrschenden Lehre vom Krieg in Einklang stand und die aggressive Kriegspolitik des Königs nicht behinderte. Bismarck drängte mit seiner Manipulation der "Emser Depesche" 1871 den französischen Kaiser Napoleon III. vor der Öffentlichkeit in die Rolle des Aggressors, obgleich er selber den deutschen Krieg gegen Frankreich als Mittel zur Herstellung des preußisch-deutschen Nationalstaats brauchte und auf ihn hinarbeitete.

Bethmann-Hollweg, Kaiser Wilhelms II. Reichskanzler, verbreitete in der Julikrise von 1914 durch geschickte Regie den Eindruck, Deutschland bleibe nichts anderes übrig, als auf die russische Generalmobilmachung zu reagieren und sich zu verteidigen. Das wichtigste innenpolitische Ergebnis dieser Manipulation war, daß sich die Sozialdemokratie nun genötigt sah, eine Verteidigungssituation als gegeben anzusehen und im Interesse der Landesverteidigung einen "Burgfrieden" mit der Regierung zu schließen. Freute sich der Chef des Marinekabinetts, Admiral Georg von Müller: "Stimmung glänzend. Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen."

Die Hauptursache für manche Desorientierung über die Verantwortung für den Überfall von 1941 ist jedoch zweifellos in der von Hitler und seinem Propagandaminister Joseph Goebbels inszenierten Kriegspropaganda selbst zu suchen. Am Tage des Überraschungsangriffs auf die Sowjetunion gab Hitler als "Führer und Oberster Befehlshaber der Wehrmacht" in einem Tagesbefehl an die "Soldaten der Ostfront", die in einer Stärke von etwa drei Millionen Mann gegen die Sowjetunion aufmarschiert waren, die Erklärung ab, die Sowjetunion habe eine aggressive Politik betrieben und Deutschland müsse nun "Gegenmaßnahmen" ergreifen.

Nach einer Reihe weitschweifig ausgeführter Behauptungen über die angeblich gegen Deutschland gerichtete "Einkreisungspolitik" sprach Hitler davon, daß Deutschland im Frühjahr 1940 als Folge des mit Stalin geschlossenen Freundschaftspakts seine Streitkräfte von der Ostgrenze zurückgezogen habe, aber "bereits zu dieser Zeit der Aufmarsch russischer Kräfte in einem Ausmaß (begonnen habe), der nur als eine bewußte Bedrohung Deutschlands aufgefaßt werden konnte". Er habe dann, und so hörten es die Soldaten aus dem Munde ihrer Kompaniechefs, "als verantwortlicher Führer des Deutschen Reiches, aber auch als verantwortungsbewußter Vertreter der europäischen Kultur und Zivilisation", zu einem Ausgleich mit der Sowjetunion auf dem Verhandlungswege zu kommen versucht. Aber Moskau habe mit dem Aufmarsch seiner Armeen die Abmachungen des Freundschaftspaktes gebrochen und "in erbärmlicher Weise verraten": "Heute stehen rund 150 russische Divisionen an unserer Grenze. Seit Wochen finden dauernde Verletzungen dieser Grenze statt... Damit aber ist nunmehr die Stunde gekommen, in der es notwendig wird, diesem Komplott der jüdisch-angelsächsischen Kriegsanstifter und der ebenso jüdischen Machthaber der bolschewistischen Moskauer Zentrale entgegenzutreten." Die Eröffnung der neuen Front im Osten geschehe nicht nur, so Hitler, "um die Voraussetzung zu schaffen für den endgültigen Abschluß des großen Krieges überhaupt oder um die im Augenblick betroffenen Länder zu schützen, sondern um die ganze europäische Zivilisation und Kultur zu retten". In die Hand der deutschen Soldaten sei also "das Schicksal Europas, die Zukunft des Deutschen Reiches, das Schicksal unseres Volkes" gelegt.

In der Berichterstattung vom östlichen Kriegsschauplatz, besonders in der damals viel gesehenen Wochenschau, präsentierten Mitarbeiter der Wehrmachtspropaganda in den folgenden Tagen und Wochen immer wieder Bilder von russischen Truppen und vom Kriegsgerät der Roten Armee, verbunden mit der Behauptung, jetzt könne man sehen, wie groß die Gefahr aus dem Osten wirklich gewesen sei. Auch wurde auf Aussagen von Sowjet-Offizieren über die getroffenen "Offensivvorbereitungen" hingewiesen.

Am 7. Juli 1941 las Goebbels im Bericht des Sicherheitsdienstes (SD) über die "Aufnahme und Auswirkung der allgemeinen Propaganda-, Presse- und Rundfunklenkung" die folgende Erfolgsmeldung: "Allgemein habe sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, daß die Sowjet-Union eine akute Gefahr für das Reich darstellte und daß der Führer wiederum im richtigen Augenblick zugeschlagen hat." Die Präventivkriegsbehauptung war also wunschgemäß in die Köpfe eingedrungen. Goebbels wußte jedoch, daß der Erfolg dieser Sprachregelung von der Entwicklung der machtpolitischen Verhältnisse abhing. Seinem Tagebuch vertraute er einen Tag nach dem Überfall den bezeichnenden Satz an: "Wenn wir siegen, haben wir recht."

In der NS-Propaganda wurden Worte wie Schutz, Abwehr und Verteidigung nicht in der herkömmlichen Bedeutung einer militärischen Verteidigung der Landesgrenzen definiert. Die klassische Idee der Landesverteidigung, traditionell bekanntlich auch von Liberalen, Sozialisten und gemäßigten Pazifisten als natürliches Recht kollektiver Notwehr bejaht, wurde vom NS-Regime systematisch mißbraucht, indem es die eigenen aggressiven Absichten konsequent verschleierte und als Verteidigungsmaßnahmen ausgab. Bestandteil einer solchen mißbräuchlichen, weil aggressiven Auslegung des Verteidigungsgedankens wurde dann die Vorstellung von einem "Kreuzzug Europas gegen den Bolschewismus" unter deutscher Führung, also das denkbar extensivste Eroberungsprogramm.

Wenn man der Diktion der Propagandisten des Dritten Reiches folgt, haben deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg immer nur "zurückgeschossen". So auch Anfang September 1939, als man einen Angriff deutscher Staatsbürger in polnischen Uniformen auf einen Rundfunksender in der oberschlesischen Industriestadt Gleiwitz vortäuschte, um die eigene Aggressionshandlung, mit welcher dann tatsächlich der Zweite Weltkrieg entfesselt werden sollte, als Abwehrmaßnahme darstellen zu können.

Man wird sich fragen, weshalb die doch sonst von Skrupeln wenig geplagten Repräsentanten des NS-Regimes so viel Mühe auf die vorsorgliche wie nachträgliche Abwälzung der Verantwortung für den Krieg auf andere verwandten. Zwei Aspekte sind hier zu berücksichtigen: Erstens galt der Krieg zu jener Zeit zwar noch als ein legitimes Mittel der Politik. Als gerechtfertigt wurde im öffentlichen Bewußtsein jedoch nur der Verteidigungskrieg angesehen, nicht der Angriffskrieg. Seit dem Abschluß des sogenannten Kriegsichtungspakts von 1928, der mit den Namen der Politiker Kellogg, Stresemann und Briand verbunden ist, war der Angriffskrieg auch völkerrechtlich verboten. Aber ein Bruch des Völkerrechts hätte die Funktionäre des NS-Regimes nicht geschreckt. Schwerer wog – dies ist der zweite Aspekt – die machtpolitisch relevante Gefahr, daß das Eingeständnis der Aggression die psychologische Mobilmachung der Soldaten der Wehrmacht und der deutschen Bevölkerung sowie der Verbündeten erschwert hätte. Auch die Furcht vor Widerstand dürfte trotz der nach außen hin erfolgreichen Repressionspolitik noch immer mitgespielt haben.

Im Zuge des Rußlandkrieges verlor das Wort "Verteidigung" jeden defensiven Inhalt. Es wurde zum propagandistischen Rechtfertigungsbegriff für eben jene Art von Krieg, die das Deutsche Reich tatsächlich führte: den Eroberungs- und Vernichtungskrieg.

Dem Schwarzweißdenken entsprach die Rollenverteilung: auf der einen Seite die "Kräfte der Zerstörung", daß heißt die Sowjetunion, auf der anderen Seite die Kräfte der "Erneuerung". Die gute Seite, also das Deutsche Reich, führte den Angriffskrieg als "Abwehrkampf" mit der phantastischen Sinngebung, es verteidige alles, was Europa "in tausendjährigen Kämpfen, Arbeiten und schöpferischen Leistungen zum Mittelpunkt einer menschlichen Kultur und Gesittung gemacht" habe. Der Bolschewismus wurde präsentiert als "die organisierte Gottlosigkeit", während man sich selbst anmaßte, den erhabenen Verteidigungskampf fürs Abendland zu führen.

Das also sind die Quellen, aus denen sich die Stammtischparolen einerseits und die wissenschaftlich verbrämten Präventivkriegslegenden unterschiedlicher Schattierung andererseits wesentlich speisen. Manchem Kriegsteilnehmer dienen sie bis heute entweder zur emotionalen Rechtfertigung der eigenen Rolle im damaligen Krieg oder zur Beruhigung von Schuldgefühlen und als Mittel zur Verdrängung der unangenehmen Wahrheit. Dafür mag man sogar ein gewisses Verständnis aufbringen. Denn die Millionen Deutscher, die, sei es als Soldaten, sei es in anderen Funktionen, teils gezwungen, teils freiwillig, teils zustimmend, teils ablehnend, an diesem Krieg teilnahmen, ihn vielleicht nicht minder fürchteten, haßten und erlitten als ihre Kriegsgegner, mögen in dem Verteidigungs-Argument wenigstens einen gewissen psychologischen Halt gesucht und gefunden haben, sofern ihnen die gesamte Nazi-Propaganda nicht ohnehin suspekt war.

Auch später, nach Kriegsende, mußte die Vorstellung, an einem Angriffskrieg, der zugleich die Voraussetzung für die Durchführung ungeheuerlichster Vernichtungsaktionen schuf, beteiligt gewesen zu sein, eine schwere Belastung darstellen, die man mit dem Hinweis auf die angebliche Verteidigung von "Volk und Vaterland" wenigstens etwas zu mildern versuchte. Wie schwer war doch die Erkenntnis zu ertragen, daß entscheidende Jahre des eigenen Lebens destruktiv, sinnlos und schuldbeladen gewesen waren! Das Verteidigungs-Argument, seiner Eingrenzung auf Landesverteidigung enthoben, mit den höheren Weihen abendländischen Heldentums gegen asiatisches Untermenschentum versehen, führte zur politischen Desorientierung – zur humanen nicht minder.

Die Angriffskriege Nazi-Deutschlands und die mit ihnen einhergehenden Verteidigungslügen, vielleicht auch vergleichbare Erscheinungen aus früheren Perioden der deutschen – und internationalen – Geschichte, haben Spuren hinterlassen: Glaubwürdigkeitslücken, ja, tiefes Mißtrauen.

Das haben auch die Väter unserer Verfassung gewußt. Sie versuchten auf die historischen Erfahrungen zu reagieren, indem sie eine rechtliche Schranke errichteten. Sie formulierten im Artikel 26 des Grundgesetzes: "Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig." Wie aber konnte diese Norm praktisch verwirklicht werden? Gab es Kriterien für die zweifelsfreie Unterscheidung, welche Handlungen in welcher Absicht vorgenommen wurden?

Heute wird hierzulande – parallel dazu übrigens auch in der Sowjetunion – darüber nachgedacht, wie man den vielfach erklärten politischen Willen, nichts anderes als die Landesverteidigung zu wollen, durch praktische Maßnahmen glaubhaft machen kann. Hier setzt das Konzept der "strukturellen Nichtangriffsfähigkeit" an. Es will politisch wirken, Ängste abbauen und Vertrauen herstellen. In einer Zeit, in der die Mehrheit der Menschen (gerade auch in unserer Weltregion) zwar nichts gegen vertragliche Gewaltverzichtserklärungen hat, aber gleichzeitig auf Rüstung – sei es auch nur zu Abschreckungszwecken – nicht verzichten zu können glaubt, könnte der Umbau der militärischen Organisation in einer Weise, die den Mißbrauch früherer Zeiten faktisch ausschließt, entscheidend sein für die Entwicklung hin zu dem eigentlichen Ziel: der generellen Ächtung des Krieges.