Freundliche Nachbarn, treusorgende Familienväter, harmlose Eigenbrötler, Handwerker, Arbeiter, Erwerbslose ebenso wie Beamte beschließen eines Tages aus nichtigem Anlaß, daß sie heute nicht mehr da weitermachen werden, wo sie gestern aufgehört haben. Zunächst erstechen, zerhacken, erdrosseln oder erschlagen einige ihre Frauen, Kinder und alten Eltern. Normalerweise enden damit derartige Familiendramen. Für den Amokläufer ist es nur der erste Schritt. Danach wechselt er meist das Tatwerkzeug und überschreitet schwerbewaffnet und endgültig die Schwelle seines Heims. Als Ziel wählt er den öffentlichen Platz. Dort, auf Universitätsgeländen, in Einkaufsstraßen, U-Bahnen, Supermärkten, Restaurants oder Schulen schießt er wahllos in die Menschenmenge.

Kunden im Supermarkt, vertieft ins Konsumvorhaben, werden jäh aus dem Leben gerissen, ABC-Schützen samt Lehrer mitten im Unterricht erschossen. Die Gäste im Restaurant haben den Bissen noch im Mund wenn sie, tödlich getroffen, unter die Tische sinken. Ein alter Herr am Zeitungskiosk, der gerade sein Blatt erworben hat, wird ebenso niedergestreckt wie das gutgelaunte Kind mit dem Luftballon.

Man kann sich viel vorstellen. Als Unbeteiligter wählt man den Blickwinkel des Amokläufers. Von da aus erinnern die Szenen ans Märchen vom Dornröschen oder an den Schnappschuß. Es wirkt tragisch und komisch zugleich, wenn die menschliche Bewegung in einem beliebigen Moment erstarrt, die Gebärde in der, Luft hängenbleibt, als sei sie in hypnotischen Tiefschlaf versetzt worden.

Amok, rückwärts gelesen, ergibt Koma. Aber das ist nur ein Zufall. Die Getroffenen jedenfalls brechen sterbend zusammen. Aus der Perspektive des vorwärtsstürmenden Amokläufers fällt der Anblick ihres Todes heraus. Bevor die Kraft erlahmt, die Munition ausgeht oder eine polizeiliche Dienstwaffe in Aktion tritt, gibt es kein Halten. Danach setzt er in der Regel seinem Leben ein Ende.

Amokläufe sind für die Printmedien das Ereignis schlechthin. Hier verkehrt sich die Hierarchie der Massenmedien. Das Fernsehen ist dem geschriebenen Text ebenso unterlegen wie der Hörfunk, der auch nur mit einer gesprochenen Nachricht dienen kann. Das Ereignis läßt sich weder in Bildern noch in Tönen präsentieren, es ist immer schon vorbei, und der leere Schauplatz interessiert niemanden. Im Zeitungsbericht hingegen kann das Material den Erwartungen entsprechend ausgebreitet werden. Man braucht keine Bilder des Blutbades, sie werden in der Phantasie erzeugt. Noch an der kleinsten Zeitungsnotiz über einen Amoklauf entzündet sich mehr Vorstellungskraft als an einem Bildschirm, auf dem man nichts von ihm sieht.

Der Boulevard gehört immer noch in den Zuständigkeitsbereich von Revolverblatt und seriöser Zeitung. Sie müssen sich nicht einmal zugunsten einer sterilen Ausgewogenheit zensieren. Das Boulevardblatt kann den Amok nehmen, wie er kommt; wie eine Naturkatastrophe, bei der es ja auch sinnlos wäre, sie ahnden oder verurteilen zu wollen. Er wird ausladend geschildert, bis in die Beschaffenheit der tödlichen Wunden hinein. Zwar wird einleitend die Person des Täters als geistig gestörte veröffentlicht, aber die weitere Ausführung kümmert sich nicht mehr darum, Seine Lebensumstände werden in all ihrer Durchschnittlichkeit geschildert, und unfreiwillig wird dabei deutlich, worin Normalität münden kann.

Die Widersprüche bleiben, wo sie sind. Den Leser stört es nicht, er kennt sie ja. Versorgt mit Klatschgeschichten und Gerüchten, kann er als Beobachter und Amokläufer gleichermaßen teilnehmen. Diesem Bedürfnis kommt das Blatt mit allen greifbaren Mitteln entgegen, bis hin zum skizzierten Stadtplan, damit sich der Ortsunkundige auf der Blutspur zurechtfindet.