Der Vorstand der Feldmühle Nobel AG (Feno) kann endlich aufatmen. Keiner der hochdotierten Topmanager des aus dem einstigen Flick-Imperium hervorgegangenen Düsseldorfer Mischkonzerns muß befürchten, von einem unerwünschten neuen Eigentümer vor die Tür gesetzt zu werden. Die 1975 abgefundenen Erben Gert-Rudolf und Friedrich Christian Flick dürften die letzten gewesen sein, die in einem kläglich gescheiterten Übernahmeversuch vor wenigen Wochen die Hand nach dem von ihrem Großvater gegründeten Unternehmen ausstreckten. Jeder künftige Käufer würde, selbst wenn er über die Aktienmehrheit verfügte, maximal nur fünf Prozent der Stimmrechte in die Waagschale werfen können. So hat es die Hauptversammlung am Dienstag dieser Woche beschlossen.

Die Feno ist nach Babcock und Veba die dritte große Aktiengesellschaft, die in diesem Jahr die Stimmrechte der Aktionäre einschränkt. Man wolle sich, sagt der Vorstand, so gegen den Einstieg von „Großspekulanten“ wehren, die danach trachteten, den Konzern „auszuschlachten“. Schon Mitte der siebziger Jahre hatten die Deutsche Bank und ein Teil ihrer Industrieklientel, darunter so renommierte Großunternehmen wie Mannesmann, Bayer und BASF, zur Abwehr einer scheinbar drohenden Überfremdung durch nahöstliches Ölkapital Stimmrechtsbegrenzungen beschlossen.

Daß inzwischen weitere Gesellschaften Schutzwälle aufrichten, erscheint zumindest auf den ersten Blick verständlich. Warum sollten auch auf schnelles Geld bedachte Übernahmeprofis vom Schlage der US-Raider Ivan Boesky oder T. Bone Pickens ihre Hand ungehindert nach den attraktivsten deutschen Industrieperlen ausstrecken dürfen? Zu finanzieren, vor allem fremd zu finanzieren, wären solche takeover-Geschäfte, gemessen an den in Amerika üblich gewordenen Größenordnungen, allemal. So beträgt der aktuelle Börsenwert des gesamten Feldmühle-Nobel-Konzerns nicht einmal zwei Milliarden Mark, der zweitgrößte Geldkonzern der Bundesrepublik, die Dresdner Bank, notiert mit 6,5 und die Veba, mit rund vierzig Milliarden Mark Jahresumsatz Deutschlands führender Mischkonzern, mit rund zehn Milliarden Mark. Ein gezielter Weiterverkauf der wertvollsten Stücke, davon sind die Abwehrstrategen überzeugt, würde den Kaufpreis vermutlich mühelos wieder einspielen.

Wie oft bei naheliegenden Rezepten, ist auch in diesem Falle eine gehörige Portion Skepsis am Platze. Immerhin geht es um nicht weniger als einen tiefen Einschnitt in unsere Rechtsordnung, die jeden Bürger, von bestimmten, besonders geregelten Ausnahmefällen abgesehen, gegen Beeinträchtigungen seines Eigentums schützt. Daß die Manipulation des Stimmrechts in der Hauptversammlung, des wichtigsten Eigentumsrechts der Aktionäre, eine quantité négligeable sei, dürfte wohl kaum jemand ernsthaft behaupten. Verlustrisiko und Mitwirkungsrechte gehören untrennbar zusammen. Gerade Bankiers mit ihren doch konservativen Wertvorstellungen sollten nicht ohne Not von diesem Prinzip abweichen. Dies stünde ihnen um so besser zu Gesicht, als sie da, wo sie selber maßgebliche Beteiligungen halten und damit Einfluß ausüben, von einer Limitierung der Aktionärsrechte verständlicherweise nicht viel wissen wollen.

Daß die Einführung des Höchststimmrechts außer den Sprechern der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz und einer Reihe weiterer Kleinaktionärsvertreter kaum jemanden aus der Reserve lockt, hat seinen Grund. Ihnen steht eine in seltener Eintracht festgefügte Interessenkoalition aus Unternehmensvorständen, Banken (in vorderster Linie wiederum die Deutsche Bank) und Arbeitnehmervertretern gegenüber. Sie ist sich einig in der Abneigung gegen jede Änderung des bestehenden Zustands: die Vorstandsmanager aus Angst vor einem Verlust an Unabhängigkeit oder gar ihrer Posten, die Banken aus einer allzu einseitigen Loyalität gegenüber dem Management und nicht zuletzt im Interesse ihrer eigenen Geschäftsverbindungen mit dem betreffenden Unternehmen und schließlich die Betriebsräte und Gewerkschaften aus Furcht vor Nachteilen für die Belegschaft durch einen neuen Großaktionär, etwa als Folge von Personalreduzierungen oder einschneidenden organisatorischen Veränderungen.

All diese Vorbehalte gegenüber einem plötzlich auftretenden neuen Eigentümer sind verständlich und legitim. Das alleinentscheidende Kriterium für die Beurteilung eines so schwerwiegenden Korrektivs wie der Stimmrechtsbegrenzung können sie aber nicht sein. Dabei geht es keinesfalls nur um die speziellen Interessen der Aktionäre. Zumindest auf längere Sicht muß eine Zementierung des Status quo auch dem Unternehmen insgesamt nicht unbedingt zuträglich sein. Alle Erfahrungen sprechen sogar dafür, daß auch Vorstände um so motivierter zu Werke gehen, je mehr sie auch persönliche Konsequenzen als Quittung für eine nur noch verwaltende Amtsführung befürchten müssen. Wodurch sollen, wenn auch diese „Peitsche“ ihre Wirkung verfehlt, satt und müde gewordene Konzerne wieder dynamisch und aggressiv werden, wenn nicht durch einen neuen Unternehmer, sprich Großaktionär? Daß sein Auftreten nicht überall als „freundlich“ empfunden wird, ist dabei von zweitrangiger Bedeutung.

Die Industriegeschichte ist voller Beispiele für Unternehmer, die sich in saturierte Gesellschaften einkauften, um mit Ideen und Risikobereitschaft mehr aus ihnen zu machen. Sie reicht von Friedrich Flick, der den verdutzten Direktoren der von ihm über die Börse aufgekauften Unternehmen schlicht „gute Zusammenarbeit“ wünschte, bis zu Männern unserer Tage wie Wolfgang Schuppli (WMF, Pfaff) oder dem Schweizer Werner Rey, der die von ihrem Immobilien- und Beteiligungsbesitz lebende ehemalige Bergbaugesellschaft Harpener gerade auf neue strategische Ziele ausrichtet. Firmen, in denen ein Aktionär, gleichgültig wie hoch sein Anteil ist, über nicht mehr als fünf oder zehn Prozent der Stimmrechte verfügen kann, sind jedoch für jeden gestaltenden Unternehmer uninteressant.