Jeden Tag warte ich, Frau und 25 Jahre jung, sehnsüchtig auf den Briefträger. Ehe die Phantasie den Leser auf falsche Wege führt: Meine Sehnsucht gilt nicht einer Person, sie gilt der Post. Als arbeitslose Jung-Akademikerin sehne ich mich nach der Nachricht: „Auf einen Menschen wie Sie haben wir gewartet. Bitte teilen Sie uns Ihre Gehaltsvorstellungen mit und fangen Sie zum nächsten Ersten bei uns an.“

Vermutlich geht es mir wie vielen anderen Menschen, die Anfragen oder Bewerbungsmappen verschicken und dabei das Gefühl haben, Gummibälle an die Wand zu werfen – „wir danken Ihnen, leider müssen wir, es tut uns leid“. Und vielleicht ist dem einen oder anderen auch schon der Gedanke gekommen, eine kommentierte Auswahl seiner Absagen herauszugeben. Hat man erst einmal eine gewisse Anzahl gesammelt, gewinnt man einen guten Überblick über das Spektrum der Möglichkeiten, einen Bewerber abzulehnen. Wir unterscheiden fünf Formen des Abwimmeins:

Typ 1: Die langen, freundlichen Briefe. Sie enthalten zumeist eine Erklärung, warum der Betrieb zur Zeit keine Arbeitskräfte einstellt. Ausdrücklich wird die Situation – gerade im Hinblick auf den so vielversprechenden Bewerber – bedauert. Das sind nette Briefe, die man gern zweimal liest. Sie geben dem frustrierten Bewerber das Gefühl, eigentlich doch gebraucht zu werden.

Typ 2: Die standardisierten Briefe. Sie sind gar nicht nett. Zumindest eine individuelle Antwort wäre doch zu erwarten gewesen. Diese Form der Absage besteht in der Regel aus drei Sätzen: „Wir danken Ihnen..., Leider müssen wir..., Wir wünschen Ihnen...“

Typ 3: Die Andeutung einer Möglichkeit eventueller späterer Mitarbeit. Sie erweckt gemischte Gefühle, einen leisen Optimismus verbunden mit einem Schuß Skepsis. Immerhin, es könnte ja sein, daß... Die Betriebe, die solche Antworten versenden, geben manchmal Hinweise, wohin sich der Arbeitssuchende noch wenden könnte. So kann er, wenn auch mit zweifelhaften Aussichten, wenigstens wieder aktiv werden.

Typ 4: Die originellen Absagen. Charakteristisch ist ihr ambivalenter Charakter. Zwar sind sie lustig, doch damit der Situation des Arbeitslosen gleichzeitig nicht angemessen. Sie haben jedoch den positiven Effekt, daß man für einen Moment eine gewisse Distanz zu seiner eigentlich nicht komischen Lage gewinnt.

Morgen kommt der Briefträger. Ich bin gespannt auf neue Varianten. Kerstin Siebenborn