Geschwächt: Michel Rocard – der Liebling der Franzosen, solange ihm Staatspräsident François Mitterand kein Amt gab – hat kein starkes Debüt als Premierminister. Schon neun Tage nach seinem (zweiten) Regierungsantritt mußte er seinen Gesundheitsminister nach Hause schicken. Dessen Vorstellungen zur Aids- und Drogenpolitik erschienen der Öffentlichkeit zu inhuman. Zurückpfeifen mußte Rocard auch seinen Justizminister, weil der die Isolationshaft für terroristische Straftäter abschaffen wollte: Das wiederum war den Franzosen ein bißchen zu human. Schon jetzt kursiert über den Regierungschef das böse Sätzchen, das die Pariser noch für jeden – außer für François Mitterand – parat hatten, der ihre Geduld strapazierte: „Ihm fehlt das Gewicht.“

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Bemüht: Termingemäß machte Bundeskanzler Helmut Kohl vor Wochenfrist einen Freundschaftsbesuch bei Premierministerin Margaret Thatcher. Leicht beunruhigt von den demonstrativen Gesten deutsch-französischer Verbrüderung sind die Briten schon länger bemüht, die erprobte Qualität der Beziehungen zur Bundesrepublik wieder in helleres Licht zu rücken. Aber anders als zwischen Bonn und Paris fehlen auf der deutschenglischen Bühne die richtigen Darsteller. Die insularen Instinkte der Lady und die europäischen Visionen des Deutschen machen die beiden zu einem zu ungleichen politischen Paar: Niemand glaubt ihnen die holde Eintracht. Jeder wartet nur auf den nächsten Krach. Um ihn zu vermeiden, wurde während ihrer dreistündigen Plauderei die „Europäische Zentralbank“ von keinem der beiden auch nur erwähnt.

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Enthüllt: So schnell wie der Aktienskandal, von dem Japan bewegt wird, Kreise zieht, konnte sich Ministerpräsident Noboru Takeshita gar nicht in Sicherheit bringen. Einer seiner Sekretäre gehörte mit zu den 76 Bevorzugten, denen eine Immobilienfirma 1984 Aktienpakete anbot, bevor sie 1986 damit an die Börse ging. Dort erzielten die Anteile Preise, die viermal so hoch gewesen sein sollen wie der Verkaufspreis von 1984. „Ethische Probleme“ mit diesem Skandal haben neben Takeshita auch die drei mächtigen Spitzenpolitiker der konservativen Regierungspartei LDP, die den Regierungschef in den nächsten Jahren ersetzen möchten: Finanzminister Kiichi Miyazawa, der derzeitige Generalsekretär der LDP Shintaro Abo und der frühere Ministerpräsident Nakasone. Heikel ist die Affäre nicht nur, weil sie das sonst so sorglich gehütete Beziehungsnetz zwischen Politikern, Wirtschaftlern und Journalisten offenlegte; sie bedroht auch die von Takeshita geplante Steuerreform.

Gestorben: Jacki Presser, der temperamentvolle Boss der Teamsters, der reichsten, mächtigsten und traditionell korruptesten amerikanischen Gewerkschaft, erlag mit 61 einem Herzschlag. Der Tod ereilte ihn zwei Wochen nachdem das Justizministerium seiner Gewerkschaft bescheinigt hatte, sie sei „eine vollkommen abhängige Unterabteilung des organisierten Verbrechens“. Vor seinem Tode – er litt auch an einem Gehirntumor – hatte Presser seine Gewerkschaft noch mit dem Geständnis überrascht, er habe dem FBI mehr als zehn Jahre lang als Informant zur Verfügung gestanden. Unter anderem enthüllte er, daß die Mafia sich Darlehen aus dem Pensionsfonds der Gewerkschaft verschafft hatte, um in Las Vegas Hotels zu kaufen.

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Auferstanden: Juristisch war Stalins Gegner Nikolaj Bucharin schon im Februar freigesprochen worden; jetzt wurde er auch politisch rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen – fünfzig Jahre nach seiner Hinrichtung. Alexej Rykow, der Nachfolger Lenins im Regierungsvorsitz wurde ebenfalls rehabilitiert. Kehren die Toten nun zurück? Nina Grunenberg