Wird einem Geschäftsmann mulmig im Magen, wenn er in einem fahrenden Zug über Stunden eifrig Daten in seinen Personalcomputer tippt und dabei mit dem Rücken zur Fahrtrichtung sitzt? „Ja, ihm wird“, stellten dieser Tage Züricher Büroausstatter fest, die diesem wichtigen Problem mit Hilfe mehrerer Testpersonen auf den Grund gegangen waren – im Auftrag der Schweizerischen Bundesbahnen.

Denn die wollen ab November zwischen Zürich und Genf täglich zweimal einen Waggon pendeln lassen, in dem sich alles befindet, was das Herz eines Workaholic begehrt: Personalcomputer, Telephone, Telefax, Photokopierer und zwei kleine Konferenzabteile. Und weil die Waggons im Bahnhof nicht umgedreht werden können, die Reisenden sich aber jederzeit vor ihren Monitoren wohlfühlen sollen, werden die Computer auf bewegliche Untergestelle montiert.

Während der dreistündigen Fahrt Genf-Zürich können in Zukunft bis zu 20 Geschäftsleute nicht nur wie in jedem anderen Zug Statistiken, Geschäftsberichte und Vortragsuorlagen durcharbeiten, sondern sich via Computer auch mit den Zentralrechnern ihrer Firmen verbinden lassen – immer mit dem Gesicht in Fahrtrichtung, versteht sich.

500 000 Franken lassen sich die Schweizerischen Bundesbahnen den Umbau eines alten Salonwagens in das rollende Büro kosten. Bis zum Frühjahr 1989 wollen sie als erste Bahngesellschaft der Welt prüfen, ob für einen solchen Bahnservice Bedarf besteht. Danach erst wird entschieden, ob die Bürowagen im gesamten Intercity-Verkehr eingesetzt werden sollen. Die Bahngesellschaften in Europa werden den Test aufmerksam beobachten; konkrete Absichten, dem Schweizer Beispiel zu folgen, gibt es jedoch nicht – auch nicht bei der Deutschen Bundesbahn.

Eine Art Vorbild für ihr Unternehmen fanden die Schweizer in Schweden: Der Elektronik- und Maschinenbaukonzern Asea-Brown-Boverie rüstete bereits vor zwei Jahren einen Eisenbahnwaggon für 1,2 Millionen Mark mit Arbeitsplätzen, Telephonen, Computern und einem kleinen Konferenzabteil aus. Dieser Waggon wird an den Nahverkehrszug angehängt, der Schwedens Hauptstadt Stockholm mit der kleinen Stadt Vaesteraas verbindet, dem Sitz der Asea-Zentrale.

Für rund 20 Asea-Angestellte beginnt der Arbeitstag seitdem jeden Morgen um 7.40 Uhr, wenn ihr Zug den Hauptbahnhof von Stockholm verläßt, sie ein paar Papiere aus dem Aktenkoffer ziehen und die ersten Telephongespräche führen. Statt drei Stunden täglich nutzlos auf der 111 Kilometer langen Strecke Stockholm-Vaesteraas zu vergeuden, haben sie bei der Ankunft in der Firma bereits ein ordentliches Stück ihres Tagewerks vollbracht. Und eine Menge Zeit gespart, denn die Hälfte der Reisezeit wird als Arbeitszeit angerechnet.

Ältere Geschäftsleute werden durch die Schweizer Versuche vielleicht an den 14. Mai 1950 erinnert. An diesem Tag ließ die Deutsche Bundesbahn ihre Fernreisenden erstmals auf vier Strecken durch Zug-Sekretärinnen begleiten. Die Damen beherrschten nicht nur mehrere Fremdsprachen, Stenographie und die Bedienung der rüttelfesten Schreibmaschinen, sondern vermittelten auch Telephongespräche aus dem fahrenden Zug.