ZEIT: Sie sind seit 40 Jahren in der Politik. Sie haben auf allen Ebenen mitgearbeitet, im Stadtrat, im Landtag, im Bundestag, in der Exekutive und in der Legislative. Sie waren immer ein aufklärerisch-kritischer Geist, nie bequem. Im Augenblick wirken Sie besonders unzufrieden, warum eigentlich?

Hamm-Brücher: Ich bin unzufrieden, weil sich in dieser Regierung die Fehler häufen und in erschreckendem Maß mangelndes politisches Finger-, Spitzengefühl sichtbar wird. Ich glaube nicht, daß man dem Bürger so viel zumuten kann. Deshalb bin ich in tiefer Sorge über die Akzeptanz der politischen Parteien, die ja gleichbedeutend ist mit der Akzeptanz der Demokratie. Nach 40 Jahren so viele gute Ergebnisse, so viele gute Entwicklungen zu gefährden – das geht mir sehr unter die Haut. Da rührt sich eine Art Hexeninstinkt.

ZEIT: Wann zuletzt hat Sie Ihr Hexeninstinkt derart alarmiert?

Hamm-Brücher: Die Wende war natürlich auch so ein Ereignis, und zwar die Art und das Verfahren, mit der sie in Gang gesetzt und vollzogen worden ist, hinterrücks und unverträglich mit jedem demokratischen Verantwortungsgefühl.

Die FDP hat sich seitdem einigermaßen konsolidiert, aber ihr innerer Zustand ist nach wie vor nicht gefestigt. Sie hat kein vernünftiges Programm mehr zustande gebracht. Die Wende läßt sich nicht so leicht abschütteln, sie ist nicht wisch und hopp und weg.

ZEIT: Haben Sie 1982 daran gedacht, die FDP zu verlassen?

Hamm-Brücher: Ich habe keine Minute erwogen, die FDP zu verlassen. Ich habe damals im Bundestag gesagt, der Machtwechsel werde die FDP in eine schwere Krise stürzen, doch ich würde alles beitragen, damit sie die Krise übersteht.