Von Mathias Greffrath

Ein Achtundsechziger" – so wird Knut Nevermanns Berufung zum Staatsrat der Hamburger Kulturbehörde gemeldet. Was ist das, ein Achtundsechziger? Da gibt es das berühmte Photo vom sit-in im Henry-Ford-Bau: Im Trenchcoat mit hochgeschlagenem Kragen, das Mikrophon in der Hand, Rudi Dutschke; knieend davor, mit Proletenmütze, ein Mitglied der Kommune I; und ein wenig beiseite, in Pullover und Sakko, Knut Nevermann, 1967 Asta-Vorsitzender an der FU-Berlin. Die Sozialrevolutionäre, die sexualrevolutionäre und die radikaldemokratische Seite der Revolte. Es gab noch einige mehr.

Die Hamburger Kulturbehörde; Das sind drei Stockwerke in einem häßlichen, dampferähnlichen Bürogebäude, fernab der Innenstadt mit ihren Kontoren und Edelkonsumpassagen. Man liefe glatt vorbei, stünde da nicht die Litfaßsäule vor der Tür. Sie wirbt für Flohmärkte, für ein Rock-Spektakel, den Heidepark in Soltau und für "Evita" – veranstaltet vom Deutschen Schauspielhaus und gesponsort von Bild. Für alles, was heute so Kultur ist. Im Vorzimmer brennt die Geburtstagskerze für den Fahrer. Zwischen IKEA-Möbeln steht Staatsrat Nevermann, 44 Jahre alt, schlank, ein wenig grau und immer noch dem Bild vom ersten sit-in im Henry-Ford-Bau ähnlich.

Drei, vier Stunden ist er im Amt, und er beginnt sein Terrain auszumessen, zwischen Festivalkultur, die nun auch in Hamburg Einzug hält, und staatlichen Bühnen, die viel zu teuer sind, zwischen der neuen Kulturstiftung, die noch Geld braucht, und der alternativen Theaterszene, bei einem Kulturetat, der rund zwei Prozent vom Gesamtetat ausmacht (in Stuttgart sind es sieben Prozent).

Kulturpolitik heute sei "im Aufwind", sagt er. Sicher, sie müsse auch Standortpolitik sein, für die Stadt werben, aber ihre "unglaublich wichtige Rolle" verdanke sie vor allem dem, was der gelernte Politologe und Jurist Nevermann den "gestiegenen Existenzwissensbedarf" nennt. Auf ökologische Bedrohung und Endzeitgedanken gebe es einstweilen nur kulturelle Antworten: "Keine realen. Denn wir werden die Atomkraftwerke nicht so schnell aus der Welt kriegen, und die ökologische Bedrohung nicht so schnell in den Griff. Bis wir das geregelt haben, wird die kulturelle Orientierung lebensrelevant."

Knut Nevermann ist begeisterter Hamburger. Hier war sein Vater Paul Nevermann Erster Bürgermeister – von dessen Optimismus und Humor fühlt er sich, "trotz alledem", geprägt, vor allem von seiner Warnung, sich nie von der Partei abhängig zu machen. Hier wurde er in die Sozialdemokratie hineingeboren, und hier wurde er mit elf Jahren zum Falken-Parlamentspräsidenten. Sein Bruder ist sozialdemokratischer Stadtrat in Pinneberg und seine Schwester Anke Fuchs Bundesgeschäftsführerin der SPD.

Den Slogan von den "systemüberwindenden Reformen" hat er geprägt, im Jahr 1967. Auch heute weiß Nevermann: "Es geht nichts ohne die SPD, aber mit der SPD geschieht nichts, wenn kein Krach am linken Rand ist." Insofern fühlt er sich auch heute noch in arbeitsteiliger Solidarität mit den Grünen. "Koalitionsfähig sind die allerdings nicht mehr, es sei denn, es gibt eine Abspaltung und so einen Schily-Laden. Das könnte interessant sein."