Von Rolf Gramm

Seine Arbeitskollegen im Mannheimer Pharma-Betrieb Boehringer kennen Edmund Depta als Vollblutgewerkschafter. Seit er 1970 Mitglied in der IG Chemie wurde, hat er sich in wechselnden Funktionen für seine Kollegen eingesetzt. Die Belegschaft wählte ihn 1981 in den Betriebsrat. Seitdem arbeitet er als freigestellter Arbeitnehmervertreter und stellvertretender Vorsitzender der Vertrauensleuteleitung von Boehringer und als Delegierter des DGB-Kreises Mannheim.

Mit den gewerkschaftlichen Funktionen des Edmund Depta aber wird es bald vorbei sein, wenn es nach dem Willen des geschäftsführenden Hauptvorstandes der IG Chemie geht. Aus deren Chefetage wurde Mitte Mai ein Ausschlußantrag gegen Depta und zehn weitere Gewerkschaftsaktivisten gestellt, über den der Hauptvorstand endgültig am 27. Juli entscheiden will. Der Bannstrahl richtet sich gegen die gesamte elfköpfige Leitung des gewerkschaftlichen Vertrauenskörpers bei Boehringer. Bedroht vom Verlust ihrer Gewerkschaftsmitgliedschaft sind neben Depta auch der Betriebsratsvorsitzende Karlheinz Blaull, sieben weitere Betriebsräte und drei Mitglieder des Mannheimer IG-Chemie-Vorstands.

In einem Schreiben, das die IG-Chemie-Zentrale an alle 18 000 Mannheimer Mitglieder versandte, wird den elf Basis-Aktivisten vorgeworfen, sie hätten bei der diesjährigen Aufsichtsratswahl von Boehringer gegen die Gewerkschaft agiert. Deswegen seien die Kandidaten der IG Chemie bei der Wahl durchgefallen.

Vorangegangen war dem ungewöhnlichen Wahlergebnis ein monatelanger, heftiger Streit zwischen den Vertrauensleuten und der Hannoveraner Gewerkschaftszentrale um die Kandidaten. Die Zentrale bestand darauf, auf Platz eins der Wahlliste den Hannoveraner Gewerkschaftssekretär und SPD-Bundestagsabgeordneten Gerd Andres und auf den zweiten Platz den Stuttgarter Bezirksleiter Rainer Sutterer zu setzen. Letzteren aber wollten die Boehringer-Leute auf Platz eins sehen und zudem eine Frau auf den durchaus aussichtsreichen Platz zwei plazieren.

Eine Frau stehe für einen solchen Posten nicht zur Verfügung, hieß es aus Hannover, bis die Vertrauensleute ihrer Zentrale zwanzig Kandidatinnen benannten, darunter die SPD-Europaabgeordnete Beate Weber. Das einzige Zugeständnis, das der Hauptvorstand im Verlauf der gesamten Auseinandersetzung machte, bestand darin, daß schließlich die beim Hauptvorstand für Frauenarbeit zuständige Veronika Keller-Lauscher auf Platz zwei nominiert wurde.

Durch den Streit hatten sich aber inzwischen die Wahlchancen der IG Chemie verschlechtert. „Nachdem wir nicht frühzeitig mit einer einheitlichen Liste in den Wahlkampf gehen konnten“, erklärt Edmund Depta, „war klar, daß die IG Chemie höchstens einen der zwei Sitze für außerbetriebliche Kandidaten erringen würde. Da nicht die Person, sondern die Liste gewählt wird, war daher entscheidend, wer auf dem ersten Platz steht. Und gegen den erklärten Willen aller betrieblichen Gewerkschaftsgremien ging der Hauptvorstand auf diesem Platz nicht von Gerd Andres ab.“