Geschichten über alte Paare

Von Ben Witter

DAS LETZTE STÜCK VOM LEBENSGLÜCK

Heinrich K. und Frau Elisabeth frühstückten auf dem Balkon, und er sagte: „Was macht man nicht alles vorm Frühstück, aber fast hätte ich vergessen, mir die Haare zu bürsten – erst der Kamm und dann die Bürste.“ Seine Frau wußte es wieder einmal genauer, obgleich sie ihm immer wieder sagte, wie genau er noch alles wisse: „Seit deiner Pensionierung hast du es doch deshalb montags immer so eilig.“ Während Heinrich K. den Kaffee wie immer zu hastig trank, sagte Frau Elisabeth: „Bei Freiübungen auf dem Balkon hat ein Mann in deinem Alter einen Gehirnschlag erlitten. Seine Frau war gerade zwei Tage bei den Kindern; was muß in sie gefahren sein, als sie ihn tot unter den Blumenkästen fand. Abgehärtet hat er sich auf dem Balkon.“

Heinrich K. sagte, daß ihr Balkon ihm wegen der Blumenkästen und Blumentöpfe und Blumenvasen immer wie eine Art Grabstelle erscheine und daß er mit seinen zweieinhalb Quadratmetern ja auch unter die nächste Mieterhöhung falle. Und abzuhärten brauche er sich nicht mehr, sein ganzes Leben habe ihm nur zur Abhärtung gedient, angefangen beim Schulweg immer auf dem Fahrrad, und im Krieg immer zu Fuß. Im Lazarett dann, unter freiem Himmel, habe man ihn aus Versehen zu den Leichen gelegt. Frau Elisabeth sagte: „Diese Geschichten solltest du endlich mal vergessen, und genauer gesagt, bist du nie verwundet gewesen, du hast dich auf dem Verbandsplatz zu den Gefallenen gelegt, um mal deine Ruhe zu haben.“

Heinrich K. konnte das Knäckebrot nicht leiser kauen und sagte: „Warst du an der Front oder ich?“

Frau Elisabeth sagte: „Du hast mir doch immer alles erzählt, die Geschichten aus deiner Jugend, die Geschichten aus dem Krieg, die Geschichten aus dem Amt...“ „Und du“, sagte Heinrich K., „hast immer genau zugehört, um mir nachher zu sagen, was du genauer weißt, so genau wollte ich es nämlich gar nicht wissen, aber deine Genauigkeit verwendest du als Waffe gegen mich und machst damit immer wieder den Unterschied zwischen uns deutlich, den Altersunterschied; er beträgt zwölf Jahre zu meinen Lasten.“