Von Ulrich Schiller

Washington, im Juli

Sleaze, sleaze, intonierte die Truppe der „Mrs. Foggybottom“ in Washingtons politischem Kabarett, und sleaze, das geradezu lautmalerische, aber schwer zu übersetzende Wort für schmieriges, unsauberes Verhalten im öffentlichen Dienst, reimt sich natürlich auf Meese. An Brückengeländern und vergammelten Wänden der Hauptstadt fand sich in dicken Lettern die unfeine Parole: „Meese ist ein Schwein“, und in den Vorwahlkämpfen der Demokraten war der Justizminister Reagans zur Symbolfigur der ungewöhnlich hohen Korruptionsanfälligkeit dieser Präsidentschaft geworden. Vierzehn Monate wähnen die Untersuchungen des Sonderstaatsanwalts McKay, ob gegen Edwin Meese wegen vermuteter Unrechtmäßigkeit im Amt Anklage erhoben werden müsse. So lange stand der Justizminister der Vereinigten Staaten im Zwielicht und unter öffentlichem Rücktrittsdruck. Aber Meese spielte alles, was gegen ihn vorgebracht wurde, als Hexenjagd der Liberalen und der Presse herunter.

Vorige Woche gab er nun seinen Rücktritt zu Anfang August bekannt. Er tat es in Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens, wo er einst glücklich und im Einklang mit sich und seiner Umgebung als Stabschef des Gouverneurs Ronald Reagan gewirkt hatte. Er warf in dem Augenblick das Handtuch, da er sich „voll rehabilitiert“ fühlte und seine Rückkehr ins Privatleben nicht wie ein Schuldgeständnis anzusehen brauchte.

Das Echo, das Meese mit seiner Erklärung auslöste, war homerisches Gelächter. Nur Stunden zuvor nämlich hatte Sonderstaatsanwalt McKay mitgeteilt, für eine Anklageerhebung gegen Meese reiche die Beweislage nicht aus, das Justizministerium werde aber zu prüfen haben, ob das Verhalten seines bisherigen Chefs den ethischen Normen dieses Amtes entsprochen habe. Trocken resümierte die New York Times: „Ein Betrüger war Meese nicht, aber das ist nicht die Basis für die Wahrnehmung eines so hohen Amtes.“

Der 830 Seiten starke Untersuchungsbericht des Sonderstaatsanwalts in Sachen Meese ist bisher nicht veröffentlicht worden. Aber Auszüge sind wieder einmal durch Indiskretion in die Presse gekommen. Sie bestätigen, daß das Verhalten des Justizministers mindestens in drei Affären, wenn nicht kriminell, so doch fragwürdig war:

Durch Fürsprache von Meese erhielt die New Yorker Firma Wedtech Corp. einen Großauftrag des Pentagon. Der für Wedtech tätig gewesene Freund des Justizministers, Robert Wallach, steht inzwischen wegen Betrugs unter Anklage;