Aufrüttelnde Zahlen: Immerhin 25 Prozent aller Bundesbürger fühlen sich nachts durch Lärm oder Geräusche gestört; zu schweres Essen, die falsche Matratze, das dicke Federbett oder der schnarchende Lebensgefährte mögen weitere Störfaktoren des Schlafs sein – jedenfalls erhebt sich jeder vierte Deutsche morgens keineswegs fit und ausgeschlafen, sondern erschöpft und unleidlich.

Da ist der ganze Tag gelaufen, wenn, ja wenn der Mangel nicht irgendwie aufgeholt werden kann. Viel besser als die gefürchtete Halbwachheit ist die kleine Mütze voll Schlaf zwischendurch. Schon eine Viertelstunde, das versichern uns die seit kurzem hellwachen Schlafforscher, kann genügen, um die Ermüdung zu überwinden. Was nicht weiter überraschen kann, wenn die Wohltat des Schlafs für den gesamten Organismus einmal ins rechte Licht gestellt wird: Die Muskulatur ist entspannt, ruhig und gleichmäßig geht der Atem, das Herz klopft stark und gelassen. Kurzum: ein komplettes Erholungsprogramm, das ausbügelt, was uns vorher angestrengt und überfordert hat.

Das wirklich einzige Problem, tagsüber nachzuholen, was nachts nur unvollkommen gelang, ist die Suche nach dem geeigneten Ort. Hier gilt es, Mut und Phantasie zu entwickeln. Sicher gibt es Schlafkünstler, die ihr tägliches Nickerchen am Schreibtisch in den ermüdenden Alltag einzubauen verstehen. (Zu ihnen zählt übrigens auch jener Bonner Minister, der es ganz genau nimmt damit: im Pyjama auf der Besucher-Couch sammelt er Energien für den Rest des Arbeitstages; bitte nicht stören!) Was aber bleibt dem Heer der abhängig Beschäftigten übrig, die im Großraumbüro den strafenden Blick der Kollegen und Chefs fürchten?

Schlafen, wenn andere schuften – das erfordert Mut. Vor allem in der Bahn trifft man die Todmüden, die sich einfach nicht recht trauen. Der Kopf fällt vornüber, ein Gähnen löst das andere ab und steckt die Mitreisenden an, aber schlafen – nein, auf keinen Fall. Ob die anderen schon etwas bemerkt haben? Keinesfalls möchte sich der Müde als Faulpelz oder Schlafmütze abqualifiziert wissen. Wo doch alle anderen dynamisch und fit, allzeit pausenlos zur Höchstleistung imstande sind...

Geschlafen wird im Bett oder gar nicht, so die Konvention. Die Realität sieht zum Glück anders aus: Geschlafen wird in der sechsten Stunde (Physik) ebenso wie in der Gerichtsverhandlung beim Plädoyer des Staatsanwaltes mit der eintönigen Satzmelodie. Der Beisitzer der Prüfungskommission döst genauso hilflos ab wie der Beifahrer im Auto kurz vor dem Frankfurter Kreuz. Wagners lautstarker Tristan kann im Ernstfall den Nicker ebensowenig verhindern wie der eschatologische Diskurs in der Sonntagspredigt um Viertel vor elf; vom zürnenden Leitartikel zur Verschmutzung der Nordsee ganz zu schweigen. Und wer erinnert sich nicht an jenen vorwurfsvollen Kameraschwenk auf die schnarchenden Hinterbänkler im Bundestag bei der vierten Lesung des Gesetzesentwurfs zur Agrarordnung?

In anderen Ländern ist man übrigens weniger streng: Eine Siesta unterm Baum, auf der Wiese, am Wegrand oder auf der Parkbank gehört nicht nur im Süden zum Tageslauf dazu wie Essen oder Arbeiten. Lärm, Gestank oder Zuschauer ändern daran nicht das mindeste. Man dämmert, man döst, schlummert, träumt und steht danach erfrischt und tatendurstig wieder auf. Jemand, der auf der Parkbank schläft, gerät hierzulande gleich in den Ruf, zu den Pennern zu zählen – gesellschaftliche Ächtung allemal in Kauf nehmend.

Dabei könnten wir das viel entspannter sehen: „Der Schlaf ist für den Menschen, was das Aufziehen für die Uhr ist“, meinte Schopenhauer. Manche Uhren brauchen das eben mehrmals täglich.

Isabell Hauser-Schöner