Von Wilfried Kratz

Gelegentliche Besucher von Bohrinseln in der Nordsee erhalten leicht den Eindruck, daß für Sicherheit aufs beste gesorgt ist. Sie werden in rote Overalls gesteckt, die am Hals sowie an Armen und Beinen fest anliegen, damit kein Wasser eindringen kann. Außerdem bekommen sie Anweisung, wie sie sich „in dem unwahrscheinlichen Fall“ verhalten sollen, daß der Hubschrauber auf See niedergeht. Es wird nicht verschwiegen, daß die Suche nach Öl und Gas sowie die Erschließung und Ausbeutung der Vorkommen mit Gefahren verbunden sind. Aber der Eindruck wird erweckt: Diese Industrie tut das Menschenmögliche, um der Sicherheit absoluten Vorrang zu geben.

Es bedarf einer Katastrophe wie der Explosion auf der Produktionsinsel Piper Alpha, wo 166 Menschen umkamen, um die Frage aufzuwerfen: Wie sicher ist die in der Nordsee operierende Ölindustrie wirklich? Sind ihre technischen Einrichtungen so gut, wie sie sein können? Sind ihre Vorkehrungen ausreichend, und werden die Bestimmungen in der Praxis auch beachtet? Während der 73jährige „Red“ Adair, der sagenhafte Spezialist aus Texas, damit beschäftigt ist, auf der brennenden und qualmenden Insel die drei Förderrohre zu schließen, aus denen immer noch Öl und Gas entweichen und eine große Lache auf der Nordsee bilden, hat die Ursachenforschung begonnen. Die amerikanische Occidental Petroleum, Betreiber der Bohrinsel, sucht nach dem Grund der gewaltigen Explosion, die am 6. Juli abends um halb zehn Uhr die Plattform zerriß und Brände auslöste. Das Energieministerium als Aufsichtsbehörde hat eigene Nachforschungen eingeleitet

Noch nie wurde die Ölindustrie der Nordsee härter getroffen als durch das Unglück im Piper-Feld etwa zweihundert Kilometer östlich der Nordküste von Schottland. Piper Alpha ist wahrscheinlich auch der teuerste Schadensfall der Industrie. Die Insel allein hat mehr als 1,5 Milliarden Mark gekostet. Außerdem werden bei den Versicherern Ansprüche für Personenschäden und Folgekosten wie zum Beispiel die Ölverschmutzung einlaufen.

Schon im Normalbetrieb ist die Bohrtätigkeit die größte Quelle für die Nordseeverschmutzung durch Kohlenwasserstoffe – mit steigender Tendenz. Wurden 1981 erst 8300 Tonnen eingeleitet, so waren es 1985 bereits fast 29 000 Tonnen. Sinkende Ölpreise und deshalb rückläufige Förderung, so hoffte eine Expertengruppe anläßlich der zweiten Nordseeschutzkonferenz im Herbst vergangenen Jahres, könnten mittlerweile die eingeleiteten Mengen leicht reduziert haben. Die Gefahr von Unfällen wie bei Piper Alpha ist damit freilich nicht gebannt. Im Gegenteil, nach dem Urteil von Sachverständigen sind solche Unfälle programmiert. Auf sechzig bis hundert Millionen Tonnen geförderten Öls, so meinen sie, muß mit einem größeren Unglück gerechnet werden. Zwar ist das nicht immer gleich eine ökologische Katastrophe. So verlief der Öl- und Gasausbruch im norwegischen Ekofisk-Feld aufgrund glücklicher Umstände noch recht glimpflich. Damals, im April 1977, war die ausgetretene Ölmenge gering, das Bohrloch konnte schnell geschlossen werden, der Unglückszeitpunkt lag vor der Laichzeit der Fische. Bei einer Kombination unglücklicher Umstände aber, warnte der Sachverständigenrat für Umweltfragen bereits vor Jahren, kann ein Plattformunfall für die Meeresumwelt „sehr viel schwerwiegendere Folgen“ haben.

Piper Alpha spielte eine zentrale Rolle für die Ölförderung in der Nordsee. Von der Plattform wurde nicht nur Öl zum Hafen Flotta auf den Orkney-Inseln gepumpt. Piper Alpha sorgte auch für reibungslosen Produktionsablauf bei anderen Förderstätten. Claymore (Occidental) bezog Gas von Piper für die Erzeugung von Energie und zur Injektion in die Bohrlöcher, um den notwendigen Druck aufrechtzuerhalten. Tartan (Texaco) leitete sein Gas nach Piper. Da dieses integrierte System nun an seiner verwundbarsten Stelle getroffen ist, sind zumindest vorübergehend rund zwölf Prozent der britischen Ölförderung lahmgelegt.

Über die Ursache der Explosion werden die Experten noch lange rätseln. Der Ort scheint festzustehen, nämlich die Kammer, in der das Gas auf hohen Druck gebracht wird. Das ist der potentiell gefährlichste Teil der Anlage. Explosionen hatten sich bis dahin auch schon auf anderen Bohrinseln ereignet, aber mit relativ geringen Auswirkungen. Nur einen Tag zuvor verzeichnete Shell auf seiner Insel Brent Alpha eine solche Explosion, als Gas aus der Kompressionskammer austrat. Aber die Sicherheitssysteme wirkten, die Produktion wurde gestoppt, und niemand kam zu Schaden. Für Piper hat man noch keine Erklärung, wie trotz aller Sensoren unentdeckt ein Gas-Luft-Gemisch entstehen konnte, das nur einen Funken brauchte, um sich in der verheerenden Explosion zu entladen.