ZEIT: Herr Murmann, der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat die Nachteile des Standorts Bundesrepublik jetzt noch einmal vehement beklagt. Sie dagegen warnen Ihre Unternehmerkollegen davor, zuviel Pessimismus zu verbreiten. Gibt es in dieser Frage einen tiefgreifenden Dissens zwischen den beiden großen Verbänden?

Murmann: Einen festgegossenen Standpunkt von BDI oder Arbeitgebern zur Standortproblematik gibt es nicht. Aber wenn ich die vielen Äußerungen zusammenfasse, so glaube ich, daß insgesamt in der Diskussion unsere spezifischen Vorteile nicht genügend gewichtet wurden. Wirtschaftskräfte entfalten sich auch aus der psychologischen Verfassung derer, die in der Wirtschaft Verantwortung tragen. Deswegen sollte man sehr ausgewogen über Vor- und Nachteile des Standorts Bundesrepublik sprechen.

ZEIT: Worin liegen diese Vorteile?

Murmann: Ich will einmal einen Vorteil etwas vertiefen, der unter der Überschrift „soziale Verträglichkeit“ läuft: Ist die Praxis unseres Betriebsverfassungsgesetzes oder die Praxis unserer Mitbestimmung ein Nachteil, ein Vorteil oder ein neutraler Punkt? Viele sehen dies als Nachteil. Ich selbst denke, daß auch eine große Chance darin liegen kann, diese soziale Verfaßtheit als einen Standortvorteil darzustellen und zu nutzen. Kenntnisreiche, mitdenkende und Mitverantwortung tragende Betriebsräte und Arbeitnehmer in Aufsichtsräten, mit all dem Wissen und all den dadurch möglichen Einblicken, sind, so glaube ich, auch ein Wettbewerbsvorteil gegenüber einer weniger entwickelten Wirtschaftsordnung in anderen Ländern.

ZEIT: Hat die Deutsche Genossenschaftsbank dann kurzsichtig gehandelt, als sie wegen des Mitbestimmungsmodells die Volksfürsorge nicht kaufen wollte?

Murmann: Ich will diese Vorgänge nicht bewerten. Allgemein kann man durchaus die Frage stellen, ob nicht diese erfolgreiche Versicherung auch deswegen erfolgreich ist, weil sie eine bestimmte Sozialverfassung positiv praktiziert.

ZEIT: Hätten Sie es befürwortet, wenn die Bundesregierung in die Novelle des Betriebsverfassungsgesetzes die Mitbestimmung bei der Einführung neuer Techniken aufgenommen hätte?