Es schlug vier. Die Nacht brach schon herein. An diesem verregneten Novembernachmittag wurde sie sehnsüchtig erwartet. Sollte denn diese allen Nächten vergleichbare Nacht nicht den trübseligen Tag vergessen machen, der gerade zu Ende ging?“ Diese Nacht ist anders, sie wird Arnolds letzte sein. Eingeschlossen in sein Junggesellenzimmer vertreibt er sich die Zeit mit Hinundherwandern, Rauchen, panischen Blicken auf die Uhr. „Sechs Uhr vier’, sagte er. Er verharrte gedankenlos. ‚Sechs Uhr fünf.‘ Eine Minute war vergangen, eine Minute war nicht mehr. Die Zeit verging. Sollte er darüber traurig werden oder sich freuen? ‚Sechs Uhr sechs.‘“

Die Zeit vergeht keineswegs, sie steht still, nichts rührt sich, nichts bewegt sich, Arnold ist vor Angst gelähmt. Damit nur was geschieht, beißt er sich ins Handgelenk, „daß das Blut sofort auf seine Backen spritzte“. Er wird schließlich den Gashahn aufdrehen.

Arnold hat den Mann seiner Geliebten niedergeschlagen, der ihm kein Geld geben wollte, und muß sich nun für einen Mörder halten. In seiner Verzweiflung entwickelt er ein schützendes Wahngebäude: Es ist die Ungerechtigkeit der Welt, die ihn verfolgt, niemand hilft ihm, niemand versteht ihn. Wenn er Gutes tun will, wird es ihm mit Gemeinheit heimgezahlt. Arnold suchte Liebe und Menschlichkeit, aber er fand nur Eigennutz.

Und so startet er in seinem Wahn einen Feldzug für Liebe und Mitmenschlichkeit, streift durch das nächtliche Paris, besucht die Erniedrigten und Beleidigten und imaginiert sich die Anderen als Verbrecher, als Kinderschänder, als Räuber und ehrlose Gesellen. Er aber will ihnen verzeihen, will ihnen helfen in ihrem Unglück, auf daß sie weiterleben können. Eine größere Summe, die ihm zugefallen ist (in Wirklichkeit hat er sie von einem Bürger erpreßt), will er einer armen Familie zukommen lassen, die einen Toten zu beklagen hat. Sie soll das Geld annehmen und ihm ewig dankbar sein.

Ach, sie nehmen zwar das Geld, wollen sich aber nicht seine edelmütigen Reden anhören. Arnold wendet sich prompt an die Polizei, wo ihm aber nicht Recht wird, o nein: Er landet auf dem Schafott. Doch Arnold überlebt seinen Tod, er erwacht aus einem bösen Alptraum, wird gerettet vor der Gasvergiftung.

„Die letzte Nacht“ ist ein weniger bekannter Roman des erst vor wenigen Jahren wiederentdeckten französischen Schriftstellers Emmanuel Bove (1898-1945). Der Victor Bâton aus „Meine Freunde“ kehrt hier als Arnold wieder, nur daß seine Tragödie jetzt ins Lächerliche gekehrt ist. Auch Arnold lebt allein, aber er verläßt die erhabene Einsamkeit, um zu predigen, um den anderen das Heil zu bringen. Wenn sie nur wüßten, wie gut er es mit allen meint! Wenn sie nur ahnten, was ihnen mit ihm verloren geht! Aber nichts wissen sie, sie lassen ihn lieber zugrunde gehen.

Der Lächerlichkeit seiner selbstauferlegten Mission wird er sich erst bewußt, als er aus dem Gas-Traum erwacht, als ihm klar wird, daß keine Tragödie auf ihn wartet, daß ihm nicht mal Unrecht geschehen ist, daß auch der ermordete Rivale noch fröhlich weiterlebt: Da bleibt ihm nichts weiter, als selber zu sterben. In der wahnzitternden Minute zwischen Erwachen und endgültiger Rettung „übergab Arnold Gott seine Seele“. Nur die Scham wird ihn überleben. Willi Winkler