Von Elke von Radziewsky

Eine gefährlich abschüssige Festtafel wurde den Eröffnungsgästen des Hamburger „Frauenfestivals“ im Kuppelfoyer der Kunsthalle geboten. Eine splitterige, spröde Gastlichkeit in der Hoch-Zeit des Lifestyle, angerichtet von der tschechischen Bildhauerin Magdalena Jetelovä. Die diagonal gekippte, gigantische Tafel füllt den ganzen Kuppelraum. Mächtig und breit, scheint sie von oben herab zwischen die Säulen gefallen zu sein. Die Beine versinken vorn schon wieder im Boden, und das hölzerne Gesplitter auf der Oberfläche beruhigt sich zu welliger Struktur, je mehr die Platte sich dem Boden zuneigt. Ein gigantisches Riesenspielzeug. Für Magdalena Jetelovä schon ein sicheres Erfolgsstück.

Im Jahr 1985 kam die Prager Künstlerin, 29 Jahre alt, als Republikflüchtling nach Deutschland. Hier war alles vorbereitet. Bereits 1984 hatte sie mit einem Arbeitsstipendium vier Monate in München verbracht. Ausstellungen in München, London und Bristol waren abgesprochen worden, helfende Menschen gefunden, Arbeitsmöglichkeiten und Wohnraum beschafft. Der Start gelang, fast aus dem Stand. In ihrer kurzen Westbiographie reihen sich wie Schlag auf Schlag prominente Ausstellungsorte aneinander. Schon 1983 hatte sie an der großen, internationalen Show der „Tate Gallery“ teilgenommen, die „New Art“ vorstellte. Sie zeigte Arbeiten auf der großen Frauen-Kunstausstellung in Wien („Kunst mit Eigensinn“), auf der Friedensbiennale in Hamburg und, schon als Vertreterin Deutschlands, auf der Biennale von Sydney. Das „Museum of Modern Art“ in New York organisierte im März und April vergangenen Jahres eine kleine Einzelausstellung für die Tschechin und auch an der documenta 7 nahm sie teil. Der geballte Einsatz hatte Erfolg. Gleich dreimal wurde sie bei der internationalen Kritikerumfrage der Zeitschrift art in den letzten Jahren genannt.

Es ist nicht zu übersehen, Magdalena Jetelová hat mit ihren Arbeiten den Nerv des Zeitgeschmacks getroffen – international. Und der ist durchaus nicht zierlich. Unübersehbar vielmehr, klotzig im wahrsten Sinn des Wortes, sind ihre Arbeiten. Mit einem starken Drang zum Märchenhaften und Mythischen.

In Prag gehörte Magdalena Jetelovä zu einer kleinen Gruppe prominenter Avantgardekünstler. Sie wohnte in einem alten Haus mit großem Atelier und Garten, ihre Kinder waren bei ihr, sie hatte, was sie zum Arbeiten brauchte. In der Bundesrepublik ist sie zur Kunstvagabundin geworden. Hier fährt sie nun seit Jahren umher, von München nach Köln, von München nach Mannheim (dort leben jetzt bei ihren Eltern ihre beiden Kinder), nach Düsseldorf, Hamburg und Hannover. Ständig ist sie unterwegs, hin zu Galeristen und Ausstellungshäusern, zu den wechselnden Arbeitsstätten. Den letzten Sommer verbrachte sie zum Teil in der Nähe von Starnberg, dicht vor München. Hier entstand ihre mehrteilige Außenskulptur für das neue Landratsamt. Mit ihren Helfern wohnte sie in Zelten auf dem Platz eines Holzhofes. Später arbeitete sie in der Nähe von Köln an ihrem documenta-Stück. Die ersten Monate dieses Jahres hatte sie eine Werkstatt in der Kampnagelfabrik in Hamburg.

Ein wunderbares Märchen, eine verkehrte Welt war die Installation, die Magdalena Jetelovä um die Jahreswende in der Galerie von Jule Kewenig in der Nähe von Köln zeigte. Eine Zaubergeschichte ausgedacht und gemacht für diesen Ort. (Das neue Hamburger Stück ist davon eine kompromißlerische Replik). Die Galerie Haus Bitz ist ein kleines Wasserschlößchen mit schönen, hellen, nicht eben weitläufigen Räumen. Freundlich und solide ist die Atmosphäre. Ein braver Hund lebt hier und eine Schar schneeweißer Turteltauben. Ein Tisch, ein Stuhl, hühnenhaftes, raumfüllendes Werk, viel zu groß für die vier Zimmer, tauchte kurz vor Weihnachten im oberen Stockwerk auf. Die Wände schienen Luft zu sein für dieses Geistermobiliar. Rätselhaft, was sie hereinschaffte: Der Stuhl kippte um, die Tafel löste sich von den Beinen. Unverrückbar schwebte die rauhe Fläche im Raum. Zwei Beine nur hatten sich der Umgebung schon anverwandelt. Glatt und sauber bearbeitet ruhten sie fest auf dem Dielenboden.

Die frühesten dieser ebenso massiven wie geisterhaften Tischlerarbeiten stammen aus den späten siebziger Jahren. Scheinbar unvermittelt tauchen sie auf. Es sind ins Monströse gesteigerte, simpel und, schwergewichtig gebaute Alltagsgegenstände wie Wagen und Egge. Anderen Stücken merkt man die Lust am Spiel mit surrealen Effekten an. Ein fülliger Überwurfmantel, der Kragen liegt lässig, der Stoff faltet sich wie zufällig, hängt anderthalb Meter hoch an einem roh geschmiedeten Bügel. Dazu ein hölzerner Stuhl, meterhoch, eine gerade in die Höhe laufende massive Treppe, insgesamt der absurde Riesenhaushalt einer fröhlichen Gigantenfamilie. Dazu baute Magdalena Jetelovä Entwürfe für Kinderspielplätze, kralartige Abenteuerburgen. Eine monströs-phantastische Spielzeugwelt, so sieht es im Rückblick aus.