Von Hans Pleschinski

Auch James Joyce äußerte sich im „Ulysses“ zur legendären Witwe: „Jesus, hab ich lachen müssen, wie er das rausbrachte, über die Alte mit dem Schnurrbart auf der Lippe, stockbesoffen in ihrem königlichen Palast jede Nacht, die olle Vic, von ihrem Pöttchen Schottenwhisky, und ihr Kutscher mußte sie jedesmal aufsammeln, Knochen und Knorpel, und sie ins Bett karren ...“

In diesem Exkurs über Queen Victoria steckt ein Quantum Zuneigung, und andere Attentate hatte bereits die junge Queen ohne Aufregung ausgestanden. Für spätere war die Großtante aller Dynastien, Souveränin jedes dritten Erdenbürgers, die Schirmherrin der Pound-Sterling-Solidität, des Dégouts vor Säuglingen, der Witwentrauer unerreichbar. Nach dem Tod des Prinzgemahls weilte das Symbol bis zum eigenen Heimgang, 1901, fernab: In Osborne House, Windsor Castle, Schottland. Ihr vergrößertes Tischglöckchen für London und Empire war Big Ben; sein Glockenschlag mußte Churchill und Oscar Wilde an den 5-Uhr-Tee der Epoche-Muhme erinnern, an 64 absolvierte Regierungsjahre.

Alexandra Victoria aus dem Hause Kent wurde 1819 geboren. 1837 kam die Thronfolge an sie. 1839 war sie der letzte englische Regent, der den Rücktritt eines Premiers – erzwang. Von 1840 an war sie für einundzwanzig Jahre die rangmäßig übergeordnete Lebensgefährtin ihres „Prince-Consorts“. Vier Jahrzehnte lang trauerte sie um Albert, korrespondierte sie mit neun Kindern, geriet sie zum Mahnmal des Victorianismus.

Wer über Victoria spricht, muß über Albert von Sachsen-Coburg-und-Gotha sprechen, bei entgegengesetztem Ansatz andersherum. Zu zweit veränderten sie Funktion und Gepräge von Monarchie in England. Sie lösten sie aus Partei-Bindungen, gaben ihr somit Zeitlosigkeit, schufen das Repräsentative Staatsoberhaupt. Thront die derzeitige Queen mit Spezialhüten, fast wortlos über der Schrumpfinsel, so rührt solche Unerschütterlichkeit aus Ahnherrin Victorias „A steady course, whatever it may be, is always the best.“ Fährt der derzeitige Prinzgemahl aus, auf alten Dock-Geländen nach dem Rechten zu sehen, so ist das Amts-Erbteil aus Alberts Engagements für die erste Kanalisation Londons.

Als Ehepaar, Eltern schließlich, erfanden Albert und Victoria fürs wachsende Empire und den Rest der hinblickenden Welt mustergültigen Lebenswandel. Für ihren zeitig vom Schlaf übermannten Herzensgatten gab Victoria ihre frühe Tanzlust auf. Prinzgemahl Albert nahm der gekrönten Hausherrin Brückeneinweihungen ab. Gemeinsam regulierte man den barocken Wachskerzenverbrauch im Buckingham Palast. In Osborne House auf der Isle of Wight las das ideale Paar gegenseitig sich die Tagespresse vor, pflanzte man liberalkonservativ neue Sträucher, wurde Mendelssohn geschätzt, wurden Geburtsanzeigen mit familiärem Gruß nach Petersburg abgeschickt. Das bedacht Rührige, Solide, Warmangezogene wurde erst durch Victoria und Albert zum Signum britischen Lebens. – Die Witwe erst machte daraus Mief und Säuerlichkeit.

Vor dem berühmten Paar war England auch noch das Gefilde trunkener Typen auf Hogarth-Stichen gewesen. Victorias mächtigere Vorgänger und Onkel aus Hannover gehörten dazu. Geistig umnachtet war Georg III. Napoleon entgegengetreten. „Prinnie“, Georg IV., war es von 1820 bis 1830 nicht gelungen, den Mätressen Lebewohl zu sagen, und Ehe-Konflikte hatte er vors Parlament gebracht. Weiteres Ansehen der lästig werdenden Gottgesalbten hatte der letzte Welfe William IV., „Billy the Sailor“, vertan. Durch unbewachte Spaziermärsche hatte er populär werden wollen. 1837 nahm der Zweig Kent auf dem Thron Platz, die Zeit der listenreichen Kasuisten vom Kontinent war vorbei.