Stuttgart

Sie starb vor 50 Jahren unter dem Fallbeil, doch für den Rektor der Universität Stuttgart, Professor Franz Effenberger, ist sie ein höchst lebendiges „delikates Problem“: Lilo Herrmann, die erste Frau, die von den Nationalsozialisten 1938 aus politischen Gründen hingerichtet wurde. Das Heikle an der Widerstandskämpferin und Mutter eines vierjährigen Sohnes: Sie war Kommunistin.

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (WN) kämpft schon seit Jahren um eine Gedenktafel für die junge Frau an der Universität Stuttgart. Denn die gebürtige Berlinerin hatte mehrere Semester an der damaligen Technischen Hochschule Stuttgart studiert und sich einer Widerstandsgruppe angeschlossen. Doch sie wurde denunziert, verhaftet und schließlich bei einer Aufensitzung des Volksgerichtshofs 1937 zum Tode verurteilt.

In den vergangenen Monaten plädierten auch cer Stadtjugendring und die Opposition im Geneinderat, voran die SPD, für die späte Ehrung. Oberbürgermeister Manfred Rommel stellte sogar eine finanzielle Beteiligung der Stadt an der Gecenktafel in Aussicht.

Doch die Universität mauert. Offiziell nicht ceshalb, weil die Tote Kommunistin war und in cer DDR hochgeehrt wird. Schon eine entsprechende Frage empfindet Effenberger „fast als böswillige Unterstellung“. Der Hauptgrund für das Nein des Universitätssenats sei, daß man bislang auch nicht der anderen Opfer des Naziterrors gedacht habe, die an der TH Stuttgart gewirkt hatten. Lilo Herrmann sei überdies nur „am Rande Studentin in Stuttgart“ gewesen.

Tatsächlich war die junge Frau zur Zeit ihrer Widerstandstätigkeit in Stuttgart nicht an der TH immatrikuliert; ordentliche Studentin war sie hier nur von 1929 bis 1931/32. Danach studierte sie in Berlin, wo sie 1933 wegen Unterzeichnung eines Aufrufs gegen Krieg und Faschismus von der Universität relegiert wurde. Die Gestapo auf den Fersen, kehrte sie 1934 nach Stuttgart zurück und brachte ihr Kind bei ihren Eltern unter. An ein reguläres Studium war nicht mehr zu denken. Sie nahm einen falschen Namen an, versuchte im Auftrag der Untergrund-KPD Widerstand unter Jugendlichen zu organisieren, entwarf Flugblätter zur Aufklärung von Arbeitern in der Rüstungsindustrie und übermittelte Informationen ins Ausland, vor allem in die Schweiz. Nach ihrer Verhaftung wurde sie gefoltert. Ihre Peiniger spielten ihr sogar vor, ihr Kind würde im Nebenzimmer warten, und ließen ein Tonband laufen: „Mutti, warum kommst du nicht.“ Sie verriet nichts. „Es ist mir sehr schwer zu gehen und auch von meinem Kinde Abschied zu nehmen, aber noch schwerer ist es, weil ich weiß, daß unser Volk dem Krieg entgegengeht.“

Vor diesem Hintergrund erscheint Effenbergers Argumentation formalistisch. Den Grund für das Nein der Universität offenbart ein Gutachten des Stuttgarter Historikers Eberhard Jäckel. Sein im Auftrag Effenbergers abgegebenes Votum bildet die Grundlage der Senatsentscheidung: „Es kann aber bei allem Respekt vor einem unschuldig ermordeten Opfer des nationalsozialistischen Terrors nicht übersehen werden, daß Lilo Herrmann im Sinne einer Bewegung wirkte, die die Freiheit von Forschung und Lehre wie die Freiheit und die Menschenrechte allgemein zu unterdrücken beabsichtigte.“