Was jeder gern verschweigt – die Wissenschaft hat’s jetzt ans Licht der Sonnen gebracht: dreizehnmal pro Woche tut’s der Normale – wir ahnten ja schon, von uns auf andere schließend, daß biederen Gesichtern nicht immer und unbedingt zu trauen ist. Täglich zweimal und sonntags einmal lügen wir im Durchschnitt, und wir können froh sein, daß wir nicht auch dreizehnmal pro Woche erwischt werden. Die Seelenwissenschaft, die sonst immer so schnell weiß, wo unsere Komplexe herkommen, hat zum alltäglichen Sündenfall "Lüge" lange geschwiegen, doch dieser Zustand hat sich in den letzten Jahren geändert.

Der Mensch, das zweimal täglich lügende Tier, wird seine geheimen Sünden und ihre noch geheimeren Gründe nicht mehr lange vor dem Scharfblick der Psychologen verbergen können. Die geistigen Messer, unser Innerstes zu sezieren, sind gezückt. Manche der eifrigsten Lügenzergliederer wissen um unsere Ängste und beschäftigen sich demonstrativ mit "pathologischen Lügnern", uns in Sicherheit wiegend, wir normalen Steuerhinterzieher seien nicht gemeint. Fünf Typen "pathologischer Lügner" werden von einem amerikanischen Psychiater unterschieden: Der "Soziopath" intrigriert und manipuliert mit Lügen seine Umgebung, um Vorteile für sich herauszuschlagen. Er ist der coolste und berechnendste aller Lügner, ohne Gefühle für seine Opfer. Der "Hysteriker" erfindet ständig neue Leidensgeschichten, um stets im Mittelpunkt der mitleidigen Aufmerksamkeit zu stehen. Ganz im Gegensatz zum coolen "Soziopathen" sucht er verzweifelt nach Liebe und sonst gar nichts. Der "Narziß" erzählt mit Vorliebe "Pseudologia fantastica", grandiose Geschichten aus seinem Heldenleben. Alles natürlich erstunken und erlogen, doch ist er der Meinung, als Auserwähltem seien für ihn die normalen Gesetze des menschlichen Zusammenlebens nicht gültig. Die "Borderline-Persönlichkeit" versucht sich durch Lügen davor zu schützen, daß andere das Chaos ihrer Gefühle kennenlernen, während der "Zwangscharakter", meist ein äußerst korrekter und anständiger Mensch, sich der harmlosesten Dinge schämt und sie verleugnet: Daß ihm ein Mädchenbein gefällt etc.

Doch während wir schon traurig beginnen, unsere Lügner-Seele in pathologische Symptome zu zerlegen, stehen bereits andere Psychologen bereit, uns zu trösten: Das Lügenkönnen sei etwas sehr wertvolles, versichern sie uns. Schon die erste erfolgreiche Lüge sei eines der wichtigsten und glücklichsten Ereignisse im Leben eines Kindes. Erkenne es doch, nachdem es mit ein bis zwei Jahren die Eltern das erstemal hereingelegt hat, daß diese nicht allwissend sind. Und vorbei sei es mit der naiven Idealisierung der Eltern, die auf Bewunderung ihrer Allwissenheit fuße. Darüber hinaus weiß der frischgebackene kleine Lügner jetzt, daß er seine Gedanken ganz für sich alleine hat, oder auf edelpsychologisch ausgedrückt: daß er eine separate, von anderen unterschiedliche Persönlichkeit ist. Auch später bewirke die Lüge viel Positives: So muß ein Teenager beispielsweise, um zur vollständigen Persönlichkeit zu reifen, seine Grenzen "austesten". Da tut die Lüge manchen guten Dienst, den man ihr nicht allzu borniert verübeln sollte.

Um die Entwicklung der Kunst des Lügens zu untersuchen, ließen wieder andere Psychologen zwei- bis dreijährige Kinder unter ihrer Aufsicht lügen. Das jeweilige Versuchskind wurde ermahnt, sich nicht nach einem schönen Spielzeug, das im Raum lag, umzusehen, während der Versuchsleiter hinausging. Nur zehn Prozent der Kinder guckten tatsächlich nicht. Vom Rest gab etwa ein Drittel zu, daß sie geguckt hatten, ein Drittel leugnete und das restliche Drittel sagte gar nichts, war nur sehr verlegen. Die verlegenen, die gar nichts sagen, seien Kinder, die das Lügen noch nicht gelernt haben, interpretieren die Psychologen ihre Ergebnisse, wenn sie könnten, würden sie lügen. Schließlich seien sie im Durchschnitt wesentlich nervöser als die Lügner gewesen, die von allen Kindern am entspanntesten wirkten. Richtig gut lügen können Kinder mit zehn bis vierzehn Jahren – dann sind sie so gut und so normal wie anständige, dreizehnmal wöchentlich lügende Erwachsene. Doch wenn es den Teenies in dieser wichtigen Entwicklungsphase nicht gelingt, ihr "Über-Ich feinzustellen", wie einer der Lügen-Psychoanalytiker sich ausdrückte, dann wird am Ende mit großer Wahrscheinlichkeit die Diagnose "pathologischer Lügner" stehen. Ob der Verdorbene ein "Soziopath", "Hysteriker" oder "Narziß", eine "Borderline-Persönlichkeit" oder ein "Zwangscharakter" ist – das zu entscheiden wird anschließend dem feingestellten Psychologengehirn nicht schwerfallen.