Die Polen sind enttäuscht, weil der Kreml-Chef über die Vergangenheit schwieg

Von Helga Hirsch

Warschau, im Juli

Wegen Gorbatschows Besuch brauchen Sie einen heilen Fernseher?" Die Etagenfrau im Hotel schüttelt verwundert den Kopf. "Da würde ich ja lieber weniger für das Zimmer bezahlen!" Nun ist die Verwunderung auf Seiten der Besucherin. Hatte ein polnisches Meinungsforschungsinstitut nicht gerade ermittelt, daß Dreiviertel aller Polen von Gorbatschow eingenommen seien und nur Papst Johannes Paul II. sich noch größerer Beliebtheit erfreue? Oder zählt die Eugenfrau zu den unerheblichen sechs Prozent, die auch noch nach drei Jahren meinen, seit Gorbatschows Amtsantritt habe sich nichts geändert? Die polnischen Gefühle gegenüber dem Kreml-Chef, ein kompliziertes Verhältnis von Zuneigung und Skepsis, sind schwierig einzufangen.

Auf den ersten Blick scheinen die Umfrageergebnisse den Tatsachen zu widersprechen. Als Chruschtschow und Breschnjew nach Warschau kamen, marschierten die Massen auf. Nun fährt Gorbatschow durch die Straßen der polnischen Hauptstadt und gerade ein paar hundert Menschen säumen den Weg. Das ist sozialistische Dialektik: Weil die Bürger lange Zeit gegen ihre Überzeugung ungeliebten Potentaten Applaus spenden mußten, werden sie ohne Zwang zunächst überhaupt keinem Machthaber mehr applaudieren – vor allem nicht, wenn es sich weiterhin um den Exponenten eines Systems handelt, dem sie ihr nationales Unglück zuschreiben. Bei aller Neugier – Vorsicht ist deshalb ihr Gebot der Stunde.

Trotz Glasnost und Perestrojka bleibt der sowjetische Parteiführer ein Kommunist. Mit dieser Feststellung begründen viele Polen ihre Distanz gegenüber Gorbatschow. Die Kommunisten haben den Terror zwar fallengelassen, doch wirkliche Demokratie für das Volk – das ist ihre feste Überzeugung – wird der Nachbar nie zulassen. Dennoch hoffen die Polen, Gorbatschows Experiment möge gelingen. Dann hätten sie den Rücken frei und wären nicht mehr von der eigenen Führung mit der Drohung erpreßbar: Politisch zurückstecken, sonst marschiert der Große Bruder.

Doch als ideales Reformmodell gilt Gorbatschows Perestrojka in Polen nicht. Denn in der UdSSR geht die Veränderung von oben aus, von der Kommunistischen Partei, die durch personellen und strukturellen Umbau die schwierige Lage zu meistern hofft. In Polen hingegen kommt der Reformdruck von unten. Eine selbstbewußte Gesellschaft fordert die Teilhabe an der Macht von einer desolaten Staats-KP, der die Bevölkerung nicht mehr vertraut. Ohne Zugeständnisse der Mächtigen – etwa Mitspracherechte für eine unabhängige Arbeitervertretung und Zulassung freier Vereinigungen und Parteien – wird die Bevölkerung Reformen wohl kaum mittragen. Für einen derartigen Demokratisierungsprozeß von Gorbatschow Unterstützung zu erwarten, scheint jedoch illusorisch. Welche Gedanken begleiten dann aber die Visite des sowjetischen Generalsekretärs? Wie erklärt sich diese verhaltene Zuneigung, die zwar Hoffnung ausdrückt, nicht aber den Mut, irgend etwas zu erwarten?