Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juli

Geschäftiger könnte der deutsch-deutsche Alltag kaum sein. Bevor nun die Sommerpause eine kleine Zäsur bringt, sind, um nur drei Bonner Beispiele zu nennen, die Minister Möllemann, Warnke und Töpfer in der DDR gewesen, um mit ihren Amtskollegen dort über Vorhaben und Probleme zu sprechen, die in die gemeinsamen Ressorts fallen. Nicht minder rührig zeigt sich die Opposition: Sei es, daß die SPD zusammen mit der SED eine „Zone des Vertrauens und der Sicherheit in Zentraleuropa“ vorschlägt, oder sei es, daß Hans-Jochen Vogel zum ungezählten Male nach Ost-Berlin reist.

Deutsch-deutscher Reisealltag auch auf einer anderen Ebene: Der Besuchsstrom aus der DDR, schon im letzten Jahr an einem vorher unvorstellbaren Rekordpegel von rund fünf Millionen, hält unvermindert an. Der Anteil von Landsleuten unterhalb des Rentenalters, die nach wie vor eigentlich nur in Ausnahmefällen fahren dürften, hat sich im ersten Quartal dieses Jahres der 40-Prozent-Marke genähert. Und demnächst werden DDR-Bürger wohl unbeschränkte D-Mark-Überweisungen von Verwandten und Bekannten in der Bundesrepublik entgegennehmen dürfen, mit deren Hilfe sie dann in so etwas wie Musterlagern im eigenen Land begehrte Westwaren erwerben können, besonders Güter des gehobenen und höchsten Konsums. Das ist eine weitere und wesentliche menschliche Erleichterung, um die es der Bonner Deutschlandpolitik ja vor allem geht.

Freilich, so geschäftig der deutsch-deutsche Alltag in allen seinen’Einzelheiten ist, auf der anderen Seite halten die meisten in Bonn zugleich den Atem an. Denn die noch immer steigenden Reisequoten und mehr noch die jüngst wieder nicht unbeträchtlich gewachsene Zahl jener DDR-Bürger, die mit offizieller Billigung sogar ausreisen können, zeigen ja vor allem auch die Legitimationsprobleme an, denen sich das SED-Regiment unverändert gegenüber sieht, nach der sensationell weiten Öffnung des Besuchsventils ohne Zweifel in verschärftem Maße. Noch mehr Reisen wecken offenkundig noch mehr Ausreisewünsche.

Aber damit nicht genug: Neuerdings kommen noch Glasnost und Perestrojka hinzu, obendrein als Schub durch den mächtigsten Verbündeten. Auch sie verstärken die Legitimationsprobleme, ob sich diese Kalamitäten nun in einem noch größeren Sog nach Westen oder in zunehmender Unruhe im eigenen Land ausdrücken. Ruft man sich schließlich ins Bewußtsein, wie viele Landsleute „drüben“ allabendlich und völlig ungehindert per Fernsehen in die Bundesrepublik emigrieren, wie es Erhard Eppler soeben formuliert hat, dann ist das Risiko geradezu bewundernswert, das der SED-Staat darauf eingeht, so umstritten es in den Führungskadern auch sein mag.

Die Bonner Regierung ist klug beraten, wenn sie, in der Regel, zu alledem schweigt oder höchstens mit äußerster Diskretion reagiert. Nichts wäre schädlicher, als wenn sie sich durch demonstrativen Beifall, nachhelfende Ermunterung oder kritisches Drängen einmischte. Jede Art von politischem oder psychologischem Druck würde die Steifnacken in der SED, und nicht nur sie, noch unnachgiebiger machen. Am schlimmsten wäre die krude Verknüpfung finanzieller Hilfen mit Fortschritten bei der inneren Durchlüftung der DDR. Nicht nur im Interesse der weiteren deutsch-deutschen Normalisierung und Entspannung, sondern auch im europäischen und im gesamten Ost-West-Kontext muß Bonn an einer möglichst stabilen Entwicklung in der DDR liegen, so schmerzlich die Teilung nach wie vor ist.