Ein wunderbares Bild in sich selbst versunkener, heiterer Weiblichkeit: Pablo Picassos "Sitzende Frau", gemalt am 6.1.1937. Das Modell war seine Geliebte Marie-Thérèse Walter. Ein schreckliches Bild weiblicher Verzweiflung: Pablo Picassos "Weinende Frau", gemalt am 26.10.1937. Das Modell war seine Geliebte Dora Maar. Marie-Thérèse war ein blondes Kind wie Milch und Honig mit einem griechischen Profil. Picasso hatte die Siebzehnjährige auf der Straße einfach am Arm festgehalten, und an ihrem 18. Geburtstag war es um sie geschehen. Dora war eine Photographin und Intellektuelle, die mit Picasso über die politische Symbolik von "Guernica" sprach. Als die beiden Frauen in Picassos Atelier aufeinander trafen und Marie-Thérèse, die Mutter seiner zweijährigen Tochter, von Picasso eine Entscheidung forderte, da meinte er, die Frauen sollten selber den Streit austragen. Das taten sie auch, und während dieser Prügelei "arbeitete er in aller Ruhe an der enormen Leinwand, auf der die Schrecken menschlicher Aggression dargestellt waren" – so Picassos Freund und Biograph James Lord.

Was Lord aus der Sicht des Freundes und nicht ohne einen amüsierten Unterton berichtet, ist für Arianna Stassinopoulos-Huffington ein Beweis für Picassos menschenverachtende, frauenvernichtende Inhumanität. "Picasso – Schöpfer und Zerstörer" heißt die von ihr geschriebene Biographie, die im vergangenen Monat in Amerika auf den Markt kam und im Herbst auf deutsch, unter dem Titel "Picasso – Genie und Gewalt", bei Droemer Knaur erscheinen wird. Ein Buch, das den Wirbel der Werbung gleich mitliefert. Nach so vielen Ausstellungen, so viel Kunst, endlich das Leben des "sadistischen Manipulators".

Daß Frauen für ihn entweder Göttinnen seien oder Fußmatten, hat Picasso selber gesagt, und natürlich mußten immer neue Göttinnen gefunden werden, damit sich die Zahl der Fußmatten vermehrte. Er ging durch die Frauen und Menschen hindurch wie durch die Stile und Epochen seiner Kunst: ohne Skrupel oder Schmerz. Er mietete und kaufte zahllose Wohnungen, Häuser, Landschlößchen und hinterließ dort die Kunst und die Frauen, wenn er etwas Neues entdeckt hatte. Die Strecke der Zerstörten und Toten, die er hinterließ, ist so erschreckend wie die Zahl der Werckomplexe, aus denen sich sein Œuvre addiert, überwältigend. Olga Koklova, Picassos erste Frau, und Dora Maar endeten in geistiger Verwirrung. Marie-Thérèse Walter erhängte sich 3 Jahre, und Jacqueline Roque, seine letzte Frau erschoß sich dreizehn Jahre nach seinem Tod. Nur eine Frau konnte sich retten, Fran,coise Gilot, die Mutter von Claude und Paloma, verließ Picasso, und er verfolgte sie mit Haß und brach mit den Kindern, nachdem Fran,coise 1964 ihre Erinnerungen "Leben mit Picasso" veröffentlichte.

Mit Françoise Gilot setzte Arianna Huffington sich zusammen, als sie ihre Recherchen begann, und in ihrem Buch tut sie eigentlich nichts anderes, als deren Krieg aus erster Hand als Secondhand-Rache fortzuführen. Zwar versteht sie von Kunst nichts und von der Kunst des Schreibens fast nichts. Und doch kann an ihrem Buch niemand vorbei: Es gab und gibt Vorabdrucke, es wird einen sechsteiligen Fernsehfilm geben, und es erscheint im "Book of the Month-Club". Um so einen Erfolg zu haben, darf man aber kein wirklich böses Buch schreiben. Also breitet Arianna Huffington die monströsen Taten aus, um sie monströse Taten zu nennen – ein alter Trick. Mit ihrer Biographie über Maria Callas wollte sich der Erfolg nicht einstellen. Jetzt packt sie das Genie beim Genital – und ein Sturm bricht aus im Wasserglas.

Maler und Modell, Muse und Poet: von Marianne von Willemer bis zu Marie-Thérèse Walter weiß man, wer da in der Regel den kürzeren zieht. Aber geht’s denn in der eigenen nächsten Umgebung so anders zu? Nur: da entsteht kein "Westöstlicher Divan" und keine "Sitzende Frau", sondern ein Artikel oder ein Geschäftsabschluß.

Auf das Grab von Picasso hat Jaqueline Roque seine Skulptur "Frau und Vase" stellen lassen, die grade Stirnnase von Marie-Thérèse Walter ist überdeutlich. Picassos Frauen brauchen kein schlaues Frauchen, das sich postum solidarisiert.

Petra Kipphoff