Von Willi Winkler

Neulich erst ging es wieder heftig gegen die Literaturkritik. Sie werde, konstatiert Michael Rutschky im Juli-Heft der Zeitschrift Merkur, von unprofessionals betrieben, von Leuten, die für die Bücher, über die sie schreiben, gar nicht zuständig seien. Schlimmer noch: Sie wollten nicht einmal zuständig sein. Statt „Kritiker“ nenne sich der Kritiker lieber „Publizist“ oder „Literaturvermittler“ oder einfach nur „Leser“. Und statt mit dem besprochenen Autor zusammen das gleiche Projekt zu verfolgen, rette sich der Kritiker, so Rutschky, in ein feiges Herunterspielen seines Berufes einerseits und in eine unerhörte Aufblähung seines persönlichen Selbstbewußtseins (wo,–ihm das professionelle schon fehle) andererseits.

Die Folgen dieser Blähungen seien, so weiter Rutschky, am reinsten in der Frankfurter Allgemeinen nachzulesen: In deren Literaturblatt schlage das Minderwertigkeitsgefühl des Kritikers in den Urteilsspruch des letzten Absatzes um: „Alles kommt aufs Urteil an, ja oder nein, hier und jetzt.“

Der Kritiker, so immer noch Rutschky, ist ein anderer Lehrer, das Verteilen von Noten der Inbegriff seiner Berufstätigkeit. Woran erkennt man den „geborenen Kritiker“? „Ganz einfach. An der Triftigkeit und der Entschiedenheit seines Urteils, ob das vorliegende Buch gelungen sei oder nicht. Und was an Triftigkeit fehlt, wird durch Entschiedenheit ausgeglichen.“

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Vernünftige Literaturkritiker müßten also her, gebildete Warentester, denen es nicht allein aufs Scharfrichter ankommt. Weil ich gar zu gern einmal wissen wollte, wie man das wird, Literaturkritiker, bin ich nochmal auf die Universität in München gegangen. Es ist alles noch wie früher. Kaum kommt man hoch aus dem U-Bahn-Schacht, werden einem wie in alten Zeiten die Aufklärungsblätter der „Marxistischen Gruppe“ in die Hand gedrückt. Vor der Buchhandlung wühlen die Collegemappenträger noch immer in den Suhrkamp-Remittenden. Ich brauche nur die Tür zum trostlosen Graubau des Neuphilologicums in der Schellingstraße aufzudrücken, schon bricht mir auf den Handinnenflächen der Schweiß aus: Es ist alles noch so wie früher, als es nicht mehr auszuhalten war an der Uni. Wändeweise Listen mit Vorlesungen, Seminaren, Übungen, Einführungskursen; dazu Beratung, Betreuung, Seelsorge, immer noch die Mischung Teeküche & Katholische Hochschulgemeinde.

Doch halt, etwas ist doch neu: Seit dem Sommersemester 1988 gibt es hier – exklusiv für die Bundesrepublik – den Aufbaustudiengang Literaturkritik, der in eine „fachwissenschaftlich orientierte Praxis“ führen soll. „Die Formel“, verrät der Ankündigungstext, „meint eine Ausbildung, bei der sich das Erproben und Vervollkommnen eigenen Produzierens mit der kritischen Analyse bereits vorliegender Werkstücke des jeweiligen Genres verbindet.“ Ja, wenn das so ist!