Von Benedikt Erenz

Puschkin zum Beispiel: die Geschichte vom Sargmacher Prochorow. Der kommt abends heim in seine neue Wohnung und findet sich von sonderbaren Gestalten umringt. Plötzlich erkennt er: das Zimmer ist voll von Toten – all diejenigen, die er im Lauf der Jahre eingesargt und beerdigt hat. Jetzt sind sie gekommen, um mit ihm zu feiern. Ja, sie wollen feiern, die neue Wohnung einweihen, sie reden auf ihn ein, fassen ihn an – da wacht der Sargmacher auf. Diese kurze Novelle hat ihm sicher gefallen. Und Gogol natürlich. Den Beamten Akakij Akakijewitsch Baschmatschkin, der noch als Toter um Seinen Mantel ringt – den hat er gewiß geliebt. Auch Andrejews Novelle vom "Gouverneur", den die Erschossenen verfolgen und nach sich in den Tod ziehen, könnte er geschätzt haben, den "kleinen Teufel" Sologubs und vor allem die unbedeutenden, überflüssigen Menschen Tschechows, die im Leben schon Gestorbenen wie jenen Mann "im Futteral", den zeitlebens, wo er geht und steht, ein imaginärer Sarg umgibt... und die Figuren Leskows und Garschins auch, und, natürlich, Dostojewskis –

Ich bin sicher, er liebte es, er war ihm auf seine Weise verfallen: diesem seltsamen Zwielicht, garnicht geheimnisvoll, eher fahl und unendlich trübe, diesem bizarre, ja, surreale Schatten werfenden Zwielicht einer nimmer enden wollenden Dämmerung, das so viele der großen und kleinen "Helden" der russischen Literatur umgibt – von Puschkins Sargmacher bis zu den Spukgestalten Bulgakows.

Ja, es ist dieses Licht, das bei der Lektüre der "gewisse(n) Anzahl Gespräche" des Aleksandr Vvedenskij (sprich: Wedjenski) zunächst auffällt, wenn man die ersten willkürlichen Assoziationen – Gertrude Stein oder absurdes Theater, Kafka oder später Dadaismus – beiseite gestreift hat. Alles ist ganz klar und einfach, scherenschnittscharf, geschrieben in einer "armen" Sprache ("Nichts geht vor. Achte die Armut der Sprache. Achte die bettelarmen Gedanken."), und doch scheinen die Texte wie in ein schales, unwirkliches Licht getaucht: eine Atmosphäre, die an die Nachtszenen von Stummfilmen erinnert, als die Kamera- und Beleuchtungstechnik noch ihre Schwierigkeiten mit dem Dunkel hatte, und Murnaus Nosferatu oder Dreyers Vampyre durch eine milchig-graue (oder bläulich nachgefärbte) Trübe geistern, welche die Finsternis darstellen soll. Und tatsächlich lesen wir in den "Regieanweisungen" zu den Dialogen ja immer wieder: "Der Abend geht vorüber" oder "Draußen steht der Abend" oder "Es war ganz früher Morgen" und "in der Tat ist ringsum alles undurchsichtig".

Gespräche über Zeit und Gewalt und Natur und Tod, über die ersten und die letzten Dinge – und doch verzerrt sich alles, werden die einfachsten Gegenstände, Sätze, bizarr, und die Konturen verschieben sich, blähen sich in der Schwerelosigkeit dieses Zwielichts zu surrealer, komischer Monstrosität. "Erster: Das Zimmer flieht nirgendwohin, ich laufe. – Zweiter: Um Standbilder, Standbilder, Standbilder herum. – Dritter: Standbilder gibt es hier keine. Seht her, es gibt hier keine Standbilder. – Erster: Sieh her – es gibt hier keine Standbilder. – Zweiter: Unser Trost ist, daß wir Seelen haben. Schaut, ich laufe. – Dritter: Der Stuhl ist ein Flüchtling, der Tisch ist ein Flüchtling, die Wand ist flüchtig. – Erster: Ich glaube, du täuschst dich. Mir scheint, es sind nur wir, die fliehen."

Wer spricht hier? Wer sind "sie"? Die "Regieanweisung" hilft nicht weiter: "Drei Menschen liefen im Zimmer. Sie unterhielten sich, sie verschafften sich Bewegung." Ein Traum? Ein Spuk? Sprechen Lebende hier – oder Tote? Sind hier, nach hundert Jahren, in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts, Prochorows Tote wiedergekehrt? Was feiern sie da?

Aleksandr Vvedenskij ist nach Daniil Charms der zweite Autor aus dem Leningrader Kreis der "Oberiuten", den Peter Urban uns in seiner Übersetzung vorstellt. Charms und Vvedenskij waren enge Freunde, sie teilten das gleiche Schicksal. Geboren in derselben Stadt (in St. Petersburg) in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts (Charms 1905, Vvedenskij 1904), erlebten sie als Kinder, als Jugendliche Krieg und Revolution, den Aufbruch einer neuen, entfesselten, "futuristischen" Kunst und, als junge Männer, das brutale Ende dieser einzigartigen, wundersamen Kulturvermehrung – unter der Knute Stalins. Beide wurden sie, noch nicht vierzigjährig, Opfer des deutschen Überfalls und des stalinistischen Terrors: Charms verhungerte 1942 in einem Gefängnis des von den Nazi-Truppen eingekesselten Leningrad, Vvedenskij kam 1941, aus Charkow vor der heranrückenden Wehrmacht evakuiert, auf einem Gefangenentransport um. Und im Gegensatz zu vielen anderen (älteren) Opfern der Ära – von Isaak Babel bis zur Zwetajewa – war es ihnen nicht vergönnt gewesen, bis zu ihrem schrecklichen Ende auch nur das Geringste zu veröffentlichen – außer den Kinderbüchern, mit denen sie sich ihren Lebensunterhalt verdienten.