Von Helmut Böttiger

Es war ein regnerischer Tag, als die Stuttgarter Kickers Anfang Juni in Oberhausen die entscheidenden beiden Punkte zum Aufstieg in die Bundesliga holten. „Nie mehr Zweite Liga“, sangen sie voller Inbrunst. Schüchtern räkelten sich die Bratwurstdämpfe in den grauen Oberhausener Himmel, an dem einen Stand auf den unebenen mattpolierten Steinen zwischen Kassenhäuschen und Tribüne. Einige Pappbecher zögerlich gezapften Alts oder Pils’ verloren sich auf diesem Vorhof wie eine Vision aus den Schlachthäusern Chicagos während der großen Depression.

Rot-Weiß Oberhausen hat keine Lizenz mehr bekommen, und die Stuttgarter Kickers sind in der Bundesliga – ein Rausch, und die Stuttgarter Journalisten, die noch die 400 Kilometer Autobahn zurückfuhren und nachts um vier an ihrer Druckerei ankamen, entfalteten gierig die erste Seite ihres Blattes und lasen als Schlagzeile „Bangemann geht nach Brüssel“ – „der stand doch gar nicht auf der Transferliste“, sagten sie enttäuscht.

Ob die neue Saison der Bundesliga, die am Samstag beginnt, wieder dieses Unmittelbare bereithält, diese Bandbreite des Gefühls? Hat der deutsche Fußball noch die Kraft, allegorisch zu wirken, den Samstagnachmittag zu einer Bühne des menschlichen Geschicks zu formen, mit der Einheit von Ort, Zeit und Handlung? Für den FC St. Pauli und die Stuttgarter Kickers zumindest beginnt das Steuer erst, da sind die Gefühle noch wach. Doch während St. Pauli aus Erfahrungen gelernt hat und auf dem angestammten Platz am Millerntor bleiben will, scheinen die Kickers bereits den Anforderungen der Liga zu erliegen. Sie verlassen ihr Degerlocher Gelände: ein wahrer Hexenkessel ohne Aschenbahn, wo ihr unwiderstehlicher Sturmlauf jeden Gegner zermürbt, weil der Ball sofort wieder im Spiel ist, wenn er die Linie überschritten hat. Im Neckarstadion laufen die Kickers Gefahr, schon daran zu scheitern, daß der Gegner viel mehr Zeit hat, sich vor einem Einwurf wieder zu formieren. In der Zweiten Liga lag der Fußball näher.

Selten begann eine Bundesliga-Saison unter so düsteren Vorzeichen. Noch zu nah liegt die Europameisterschaft, zu nah die Erkenntnis, wo der deutsche Fußball steht. Der Satz Beckenbauers, mit dem er seine Grundphilosophie benannte, wirft ein bezeichnendes Licht auch auf den Bundesligaalltag: „Wenn du gewinnen willst, darfst nicht angreifen!“ Das ist so etwas wie die letzte Verballhornung jenes Denkens, mit dem man sich ’82 und ’86 ins Endspiel der Weltmeisterschaft gemogelt hatte, ein nochmaliges, vergebliches „Augen zu und durch“.

Daß die deutsche Elf sich im Laufe eines Turniers immer steigere, war so eine Art Bauernregel gewesen, zu der jeder Moderator mindestens einmal Zuflucht nahm – die Fritz Walter, Uwe Seeler waren also doch im Grunde dieselben Typen wie die Matthäus’ und die Brehmes, zusammengeschweißt durch den Korpsgeist im Quartier, den Lagerkoller produktiv umsetzend. In der „Turniermannschaft“ stecken die deutschen Tugenden, das Turnier ist der Ernstfall, da steht man an der Front, und da geben auch die müdesten Knochen noch mal alles, was sie haben, dem Dienst an der großen Sache willen.

„Der Deutsche“, so Beckenbauer in der Euphorie nach dem Spanien-Spiel in der urbayrischen Art, in der Gerhard Polt von dem „Südländer“ spricht, der sich nicht wäscht, oder von dem Neger, dem zu Weihnachten auch etwas gehört, „der Deutsche kann keinen brillanten Fußball spielen wie der Brasilianer oder der Franzose.“ Das sei „ein Ausfluß des Grundcharakters“. „Der Deutsche“, so fuhr er fort, „muß arbeiten, um erfolgreich zu sein, das ist wie im täglichen Leben, wie in der Politik.“ Und das ist mittlerweile, wie sich zeigte, zu wenig.