Wie der Bremer Wirtschaftsanwalt seine heimliche Macht ausdehnt

Von Hans Otto Eglau

Unerwartete Nachricht ging am Montag morgen im Kartellamt ein. Über den renommierten Wettbewerbsanwalt Martin Hirsch ließ der Münchener Filmkaufmann Leo Kirch der Berliner Behörde seine „Absicht anzeigen“, die von ihm erworbene zehnprozentige Beteiligung an der Axel Springer Verlag AG „auf mehr als 25 Prozent zu erhöhen“. Die Absichtserklärung überraschte Amt und Öffentlichkeit um so mehr, als erst vergangene Woche Springer-Chef Peter Tamm in Übereinstimmung mit den Erben des vor drei Jahren verstorbenen Großverlegers seine Weigerung wiederholt hatte, Kirch zusätzlichen Einfluß auf den Medienkonzern einzuräumen.

Mit seiner Kartellamtsanzeige zielte Kirch denn auch nicht auf seinen unzugänglichen Wunschpartner, sondern auf die Wettbewerbshüter selbst. Die nämlich hatten vor fünf Wochen zum Mittel eines formalen Auskunftsersuchens gegriffen, um herauszubekommen, ob der Herr über Europas größten Filmstock in Wirklichkeit nicht schon längst einen 25prozentigen Anteil am Springer-Verlag unter seine Kontrolle gebracht hat – ohne die vorgeschriebene Meldung.

Insidern war sehr schnell klar, wer Kirchs taktisches Manöver wieder einmal eingefädelt hatte: niemand anderes als Joachim Theye, Rechtsanwalt und Notar aus einer angesehenen Bremer Societät, deren Briefkopf bis heute der Name von Außenminister Hans-Dietrich Genscher ziert. Der 48jährige Theye gehört zu jener kleinen, aber feinen Zunft von Wirtschaftsanwälten, die von zahlungskräftigen Mandanten aus Industrie und Finanz immer wieder um Rat und Hilfe gebeten werden. Im Unterschied zu den meisten seiner Standeskollegen, die gut abgeschirmt aus dem Hintergrund agieren, taucht der hagere, ein wenig schlacksig wirkende Norddeutsche immer wieder mitten unter den handelnden Akteuren auf – vor allem dann, wenn es um veritable wirtschaftliche Interessen geht.

Das Verdienst, den ehrgeizigen Juristen entdeckt zu haben, kann der Kölner Versicherungsunternehmer Hans Gerling für sich in Anspruch nehmen. In der Stunde der Not, als das mit ihm liierte Privatbankhaus I.D. Herstatt Mitte 1974 als Folge ungezügelter Devisenspekulationen zusammenbrach, suchte Gerling rechtlichen Beistand in einer besonders prekären Angelegenheit. Er sah sich nämlich mit der Forderung der Berliner Versicherungsaufseher konfrontiert, aus seinen Funktionen im Konzern auszuscheiden. Unter denjenigen, die Gerling um Rat bat, war auch Reimer Schmidt, Generaldirektor der Aachener und Münchener Versicherung und bis 1967 Professor in Hamburg. Der konnte sich an einen Doktoranden erinnern, der bei ihm über ein versicherungsrechtliches Thema promoviert hatte: Joachim Theye. Dem damals gerade 34jährigen gelang es ohne große Mühe, den Branchenaufsehern nachzuweisen, daß ihre Forderung juristisch unhaltbar war. Aus dem Noteinsatz entwickelte sich eine inzwischen weit über ein Jahrzehnt währende enge Zusammenarbeit. Theye gehört heute den Aufsichtsräten von acht Gesellschaften des unübersichtlich verschachtelten Gerling-Konzerns an, davon dreimal als Vorsitzender.

Ins Rampenlicht trat der Gerling-Vertraute erstmalig 1978, als Flick die Mehrheit an dem Kölner Versicherungsimperium von der Schweizer Zürich-Versicherung und der deutschen Industriegruppe erwarb, an die der Patriarch 51 Prozent seiner Assekuranzanteile abgetreten hatte, um den Herstatt-Gläubigern zweihundert Millionen Mark zahlen zu können. Theye zog für Gerling vor Gericht, um ein von diesem reklamiertes Vorkaufsrecht auszunutzen. Am Ende besiegelten Gerling und Theye in einer denkwürdigen Nachtsitzung einen Friedenspakt, der die Gewichte im Konzern neu ordnete: Hans Gerling durfte wieder an die Spitze seines Konzerns zurückkehren.