Der chinesische Kommunist auf dem Sofa des Kulturministeriums in Peking, eingerahmt von antiken Porzellanvasen, kettenrauchend, hat die Stimme eines John Wayne-Synchronsprechers. Sein Anzug – roter Lambswoolpullover, Tweed-Jacket, italienische Slippers – verstößt eklatant gegen die immer noch maoistische Kleiderordnung des chinesischen Kadercorps, sein weiches Oxford-Englisch überrascht. Warum man gerade ihn zum Vizekulturminister der Volksrepublik ernannt hat? „Well“, knurrt er freundlich, „vermutlich, weil ich etwas vom showbiz verstehe.“

Ying Ruocheng, 58 Jahre alt, ist in China ein berühmter Schauspieler, ein Film- und Theaterstar. In Bertoluccis Filmepos „Der letzte Kaiser“ (das in diesem Sommer auch in China gezeigt werden soll) spielte Ying zuletzt den Gefängnisdirektor; 1983 war er Willy Loman in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Damals hatte Ying Miller für dieses Experiment nach Peking geholt, der dann als erster westlicher Regisseur in der Volksrepublik inszenieren durfte.

Mit amüsiert emporgezogenen Augenbrauen beobachtet Ying über den Rand seiner Teetasse hinweg, wie die westlichen Gäste mit ihrem Klischee vom sozialistischen Kulturapparatschik zu hadern beginnen. Sie sind erschienen zu einem kritischen Interview über die ausgedörrte, bevormundete Kulturszene der Volksrepublik und treffen – unerwartet – auf einen urbanen, behutsamen Liberalen, einen glaubwürdigen dazu. Ein Gärtner wolle er sein, hat er vor kurzem gesagt, der seine Pflänzchen – die Künstler Chinas – pflegt, „so daß sie Wurzeln schlagen können, die stark genug sind, politischem Frost zu widerstehen.“ Mit solchen Bemühungen schaltet sich Ying immer wieder in die heikle Debatte über künstlerische Freiheit und die Rolle von Kunst und Literatur in einer kommunistischen Gesellschaft ein.

Die politische Karriere des Künstlers begann vor zwei Jahren. Die Parteiführung hatte gerade einen „kulturellen Frühling“ verordnet. Auch die Künstler, eingeschüchtert nach vierzig Jahren fast unablässiger Kampagnen gegen bourgeoise Elemente“, sollen für die Reform gewonnen werden. Als „vertrauensbildende Maßnahme“ berief das Politbüro im Juni 1986 den Schriftsteller Wang Meng zum Kulturminister, einen Mann, der zwanzig Jahre lang als „Rechtsabweichler“ aus seiner Heimatstadt Peking verbannt war und erst 1979 rehabilitiert wurde. Ying Ruocheng, damals gerade Direktor des angesehenen, Pekinger Volkskunsttheaters, wurde sein Stellvertreter.

Auch er, als „bourgeoises Element“ und „Konfuzius-Anhänger“ gebrandmarkt, wurde während der Kulturrevolution aufs Land geschickt. „Von 1968 bis 1971 habe ich im wesentlichen in der Kuhscheiße gelebt“, erzählt Ying. „Damals wurde ja jeder Schauspieler, jeder Schriftsteller beschuldigt, irgend etwas verbrochen zu haben. Wir wurden verbannt, isoliert und gezwungen, Geständnisse oder Selbstkritiken zu schreiben. Mein ganzes Theater hatten sie aufs Land verfrachtet, Kultur fand nicht statt, dafür kann ich nun aber sehr gut Reis pflanzen.“

Ying empfängt seine Gäste in einem traditionellen chinesischen Hofhaus hinter dem Ministerium. Hier lebte zu Beginn des Jahrhunderts Cai Yuanpei, damals Rektor der Pekinger Universität und einer der führenden Intellektuellen in jenen wirren Zeiten. Auch Yings Vater war Hochschullehrer, er leitete das Fremdspracheninstitut an der katholischen Universität Peking. Der Sohn studierte englische Literatur und übersetzt heute in seiner Freizeit Shakespeare für die chinesische Bühne. Er zeigt sich kundig in europäischer Geschichte, spricht über Reformation und die puritanische Ethik. Nein, ein Mandarin, der nur noch verwaltet, möchte er nicht sein, lieber soviel wie möglich auf der Bühne stehen.

Doch auch in seiner Rolle als Vizekulturminister macht Ying eine glänzende Figur. Seine Aufgabe als Klischeebrecher bereitet ihm sichtliches Vergnügen! Gerne und oft wird der „gebildete Funktionär“ deshalb in die erste Reihe geschoben, wenn es gilt, das Antlitz des Reformchina draußen zu vertreten. Nach einer brillanten Talkshow im amerikanischen Fernsehen feierte man ihn dort als „Sensation aus dem Sozialismus“.