Von Herbert Schäfer

Mit bewaffnetem Begleitschutz und starker Panzerung gegen Saboteure und Terroristen gilt der Schwerlaster mit Hanauer Kennzeichen unter Eingeweihten als „rollende Festung der deutschen Atomindustrie“. Doch der militärischen Ausstattung zum Trotz verlief beileibe nicht alles nach Vorschrift, als der Transporter der Firma NCS auf seiner achtstündigen Jungfernfahrt am vergangenen Wochenende Kernbrennstäbe und Uran 235 aus Hessen an die Küste brachte.

Obwohl es der Besatzung aus Sicherheitsgründen streng untersagt ist, das Führerhaus auf der Strecke zu verlassen, legte sie auf einem belebten Autobahnparkplatz bei Bremen eine Pause ein. Statt die extra in ihrem Fahrzeug installierte Toilette zu benutzen, schlugen sich die Männer – mit Pistole und Funkgerät – in die Büsche.

Kurz vor Hamburg stoppte der Schwerlaster erneut: Aufgeregt liefen die Bewacher auf Journalisten zu, die dem Transport mit Filmkameras und Notizblock gefolgt waren, und drohten, ihnen die Polizei auf den Hals zu hetzen. Schließlich seien Fahrtroute und Ziel streng geheim.

Den Reportern blieb dennoch nicht verborgen, wohin die Reise ging: nach Geesthacht. Dort stehen das Kernkraftwerk Krümmel und zwei Forschungsreaktoren der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffahrt und Schiffbau (GKSS). Zuvor durchkreuzte die heiße Fracht noch das Hamburger Verkehrsgewühl – ohne daß die Behörden davon die leiseste Ahnung hatten.

„So eine Unverschämtheit“, kommentierte das die Sprecherin des Umweltsenators der Hansestadt. Das sei ein „schlimmer Verstoß gegen das nach den Strahlenschutzbestimmungen gegebene Informationsgebot“. Jeder Transit von hochradioaktivem Material müsse nämlich den betroffenen Bundesländern mindestens 48 Stunden vorher gemeldet werden. Dies habe die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig, die für die Genehmigung von Atomtransporten zuständig ist, in diesem Fall versäumt.

Nach Auskunft norddeutscher Polizeidienststellen leistete sich die Leitzentrale am Hanauer NCS-Firmensitz ebenfalls einen schweren Schnitzer: Sie dirigierte ihr Transportfahrzeug per Funk durch Hamburg, obwohl eine andere Route außerhalb der Stadt vorgeschrieben war. Weil die Hessen ihr eigenmächtiges Handeln für sich behielten, blieb jeder Polizeischutz aus.