Von Konrad Heidkamp

Alexander von Schlippenbach repräsentiert wie kein anderer den gegenwärtigen Zustand des Free Jazz. Auf der einen Seite in klassischer Kompositionslehre ausgebildet, auf der anderen im Free Jazz engagiert, verbindet der Fünfzigjährige Improvisation und Komposition in der Jazzmusik. Als Gründer und Leiter des "Globe Unity Orchestra", des einzigen wichtigen Free-Jazz-Orchesters überhaupt, als radikaler Bewahrer der freien Improvisation und zugleich als heimlicher Liebhaber der Tradition erprobt er heute Gegensätze, die noch vor Jahren unvereinbar gewesen wären.

DAS SOLO

Das Schwierigste ist immer die Kerbe in meinem Kinn. Entweder ich ziehe die Haut nach unten oder nach der Seite – ich schneide mich fast immer. Im übrigen kann ich frei improvisieren. Einmal beginne ich an den Koteletten links, einmal rechts, manchmal unter der Nase. Am Ende bin ich frisch rasiert und weiß nicht mehr, wie es dazu gekommen ist. Ich würde gerne anderen beim Rasieren zusehen.

Alexander von Schlippenbach, ohne den für ihn früher typischen Dreitagebart, kauert über den Tasten, rasende Läufe der Rechten werden von der Linken abgefangen, die Rechte beginnt zu hören, was die linke Hand sagt, geht darauf ein, und das Gesprächsthema wechselt. Die Intensität der Tonkaskaden bleibt unverändert, nur die Ebene hat sich verlagert. Kein Ausruhen auf harmonischen Schablonen, keine publikumsfreundlichen Wiedererkennungsphrasen, keine Zitate, keine Themen: Alexander von Schlippenbach 1988 in einem Berliner Jazzclub. Zwei Sets, zwei Stücke, zweimal 45 Minuten: Schlippenbachs Konsequenz ist rücksichtslos. Man könnte sein Spiel transskribieren, mit seiner ersten Soloplatte "Payan" von 1972 vergleichen, sein Form- und Strukturgefühl herausheben – am Ende würde man nur sehen, daß er rasiert ist.

DIE GRUPPE –

Evan Parker am Sopransaxophon splittert die Töne, pfeift parallel Obertonfrequenzen, die dem Chaos eine Richtung geben, übernimmt Schlippenbachs rechte Hand, die dadurch frei wird, dem Steptanz von Paul Lovens’ Schlagzeug zu folgen. Seit den frühen siebziger Jahren existiert diese Besetzung, ein fester Boden, auf den sich die drei, die in Italien, England und Berlin leben, immer wieder zurückziehen. Daß sich im "Free Jazz" Musiker zufällig treffen und dann über ihre Gefühle improvisieren, ist ein beliebtes Mißverständnis. Es gab Ausnahmen, wo dies funktionierte, aber im Grunde sind es immer dieselben Kombinationen gewesen, Musiker, die sich auf einer Wellenlänge fanden, gemeinsame Vorstellungen von Rhythmus, Energie, Klangfarben und Harmonieverschiebungen hatten. Was würde Belmondo in einem Film von Bresson suchen, wie Brando sich bei Resnais bewegen? Die Idee einer Jam Session im "Free Jazz" bleibt eine Versuchsanordnung, die nur in Schlippenbachs "Globe Unity Orchestra" erfolgreich aufgebaut wurde, als Konzept verführerisch, im Augenblick des Konzerts aufregend, am Ende nur die Notenlinien in kreisrunde schwarze Rillen gedruckt. Evan Parker atomisiert einen Lauf in einzelne Kristalle, unerträglich dicht, ausweglos. Schlippenbach lehnt sich zurück, wartet, punktiert den Schmerz mit einem Ton. Es gibt nur eine mögliche Antwort, aber man muß die Frage kennen. DER CLUB