Von Fritz Pleitgen

Mit sichtlichem Unbehagen sieht er die Frage auf sich zukommen. Wer oder was den Iran veranlaßt haben könnte, nun doch der UN-Resolution 598 zuzustimen, will ein Journalist von ihm wissen. Javier Pérez de Cuéllar, Generalsekretär der Vereinten Nationen, spult seine Antwort ohne Punkt und Komma ab, als wolle er Nachfragen gleich mit abservieren. Seit John F. Kennedy wisse man, daß der Sieg viele Väter habe und die Niederlage eine Waise sei. Es wäre unfair, die erfreuliche Entwicklung dem Generalsekretär oder dem Sicherheitsrat zuzuschreiben. Sie sei das Ergebnis gemeinsamer Anstrengungen. Basta! sagt sein Gesichtsausdruck, als er die Antwort hinter sich hat, und die Journalisten geben sich damit zufrieden. So kennen sie ihn: low key. Bloß nicht nach vorne spielen, auch nicht in dieser Stunde, die unstreitig die seine ist.

Gewiß hat der iranische Staatspräsident Chamenei seinen Brief an den Generalsekretär der Vereinten Nationen nicht geschrieben, weil ihn Pérez de Cuéllar schließlich dazu überredete. Es war Irans aussichtslose militärische und wirtschaftliche Lage, die Teheran zur Annahme der Resolution zwang. Aber in dieser desparaten Situation bot sich den Ajatollahs mit dem UN-Chef die einzig vertrauenswürdige Adresse an.

Pérez de Cuéllar hat sich immer wieder bemüht, den Iran aus der Isolierung herauszuholen. Er hat sich dagegen gewehrt, einseitig gegen Teheran vozugehen. Seinen Vermittlungsbemühungen fehle die notwendige Entschiedenheit, wurde ihm vorgeworfen. Nun also zahlen sie sich aus. Die Regierenden von Teheran können ihr Gesicht wahren. „Wir hoffen, mit der Erklärung unserer Position ihren Bemühungen zu helfen, die stets unsere Unterstützung und Wertschätzung erhalten“, heißt es in Chameneis Brief. Der so Gepriesene sitzt da vor der Presse und macht alles andere als einen souveränen Eindruck. Seine Redeweise ist farblos, er formuliert vorsichtig; mit jedem Wort darum bemüht, keiner Partei zu nahe zu treten. Muß man so sein, um oberster Repräsentant der Vereinten Nationen zu werden?

Wenn die Erinnerung nicht trügt, waren die meisten seiner Vorgänger doch stärkere Persönlichkeiten. Allerdings, die Supermächte haben Eigenständigkeit nie durchgehen lassen. Trygve Lie aus Norwegen, dem ersten Generalsekretär der Vereinten Nationen (1946 – 1953), fuhren die Sowjets in die Parade. Sie zwangen ihn zur Aufgabe, weil er das UN-Engagement im Koreakrieg unterstützt hatte. Auch der Schwede Dag Hammerskjöld, der zweite Generalsekretär (1953 – 1961), geriet mit Moskau aneinander. Die Auseinandersetzungen über Friedenstruppen im Kongo wurden so bitter geführt, daß die Sowjets sogar versuchten, den Posten des Generalsekretärs ganz abzuschaffen.

Dann, von 1962 bis 1971 kam U Thant aus Burma. Er blieb im Amt und leistete sich die Unbotmäßigkeit, im Vietnamkrieg vermitteln zu wollen. Damit war er für Washington erledigt. Der Österreicher Kurt Waldheim, der von 1972 bis 1981 am East River die Stellung hielt, hat in einschlägigen Kreisen nicht den besten Ruf erworben. Er sah sich gern im Rampenlicht, aber nach dem Urteil vieler mißverstand er seine Rolle als Berater und Sendbote der Supermächte.

Nach ihm einigte man sich auf den Peruaner Javier Pérez de Cuéllar. Kompromiß-Kandidat wurde er genannt. Die Bezeichnung sollte er während seiner ersten Amtszeit nicht loswerden. Der heute 68jährige ist Jurist und Karriere-Diplomat, vertritt also eine ganz gewöhnliche Berufskombination. Unauffällig absolvierte er als Botschafter seines Landes die Stationen Bern, Moskau, Warschau und Caracas. Von 1971 an repräsentierte er Peru in der Weltorganisation. Spektakulär in Erscheinung getreten ist er in dieser Zeit nicht. Das konnte ihn für den obersten UN-Job nur qualifizieren. Nach einem Durchgang hatte er genug. „Ich sehe keinen Grund, warum ich über den Zusammenbruch der Organisation präsidieren soll“, vertraute er einer Journalistin an. Das Ansehen der Vereinten Nationen war arg beschädigt. Die Bilanz seiner eigenen Tätigkeit sah kaum besser aus. Ob Afghanistan, Golfkrieg, Zypern, Kambodscha – gescheitert, gescheitert, gescheitert, gescheitert. Wie hatte noch Trygve Lie gesagt? „Dies ist der unmöglichste Job auf Erden.“